ÜBER GESPRÄCHE IM KOPF

Neulich hörte ich mich sagen: „Gut gemacht, Jan!“ Zum Glück war niemand in der Nähe, denn wenn ich das bemerkt hätte, hätte ich mich, glaube ich, ein wenig geschämt und zu mir selbst gesagt (aber dann ohne ein Geräusch zu machen): „Idiot, dass du so etwas laut sagst!“

Der Mensch hat ein Bewusstsein. Das bedeutet, dass jeder Mensch – bei geistiger Gesundheit – sich bewust ist von seiner Umgebung und sich selbst. Nach dem Entstehen dieses Bewusstsein in der Evolution, gab es plötzlich nicht mehr das nur  handelnde Wesen, beschäftigt mit dem Überleben als Individuum, mit Schmerz und Lust. Es kam etwas hinzu, das in der Lage war, eben dieses Wesen zu betrachten. Aus dieser Position heraus entstanden Fähigkeiten wie das Erfassen dessen, was wir gerade tun, das Erkennen von Szenarien, das Schmieden von Plänen und das Bewerten der eigenen Handlungen.

Es schien, als seien innerhalb der Einheit Mensch zwei Abteilungen entstanden: eine für Planung und Evaluation einerseits und die ausführende Einheit andererseits. Und im Laufe der Evolution ist diese Abteilung, die anfangs nur einige unterstützende Aufgaben hatte, immer größer und wichtiger geworden, und nun denken wir, dass diese Abteilung auch die Leitung hat – aber das ist nicht so! Wen treffen wir dort also an?

Der Kommentator. Wir denken oft über die Beziehung mit anderen, und diese Gedanken leiten oft zu Urteilen – auch über uns selbst. Manchmal habe ich den Eindruck – und ich bin damit nicht allein –, dass ich ständig den ironisch-kritischen Kommentar von zwei Figuren aus der Muppet Show höre, irgendwo rechts oben hinter mir von ihrem Balkon aus. Sie sind also schon zu zweit und besprechen wie Talkshow-Moderatoren, was alles schiefgeht, was schon wieder nicht taugt usw.

Der Richter. Der Richter ist ein Quälgeist. Er hebt den Finger und spricht das Urteil. Und dieses Urteil lautet fast immer, dass man sich an die Regeln halten müsse, die die Gesellschaft vorgibt: immer sein Bestes geben, Karriere geht vor Vergnügen, keine Fehler machen usw. Er ist Nummer drei also. Er ähnelt den Moderatoren, ist aber strenger und hat keinen Humor.

Der Mitfühlende. Doch der Kommentar kann auch eine andere, empathische Färbung annehmen, wie in folgender Passage aus der holländischen Dating-Sendung Lang Leve de Liefde. Ein Mann sagt zu  einer Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte, dass er ihr Inneres zwar sehr schön finde, sie aber nicht sein Typ sei. Damit wollte er sagen, dass er nicht mit ihr weitermachen wolle in dem Programm. Sie begann zu weinen, und während er sie tröstete, sagte sie: „Es macht Mir viel aus, denn ich hätte es mir selbst so sehr gegönnt.“ Da war also eine Frau, die Schmerz und Trauer über die Zurückweisung empfand, aber als solche ergriff sie nicht das Wort. Was sie äusserte kam von jemandem, der Mitgefühl hatte – Person Nummer vier also.

Das Kind in dir selbst. Im therapeutischen Bereich begegnet man auch noch „dem Kind in dir“. Bei vielen Menschen kann das auch noch einen Beitrag haben (Nummer fünf in meinem Fall). Das Kind in dir kann unter diesen kritischen Kommentatoren und dem Richter, dem eigentlich nicht recht ist, leiden. Dann kann das Kind sagen: „Ihr könnt mich alle mal, ich mache trotzdem, worauf ich Lust habe“, oder es schmollt, treibt Unfug oder baut einfach ein Märchenschloss.

Dein „Higher Self“. In den 70er- und 80er-Jahren sprach man häufig davon, sein „Higher Self“ zu suchen und zu finden (nein, es geht nicht ums Kiffen). Das ist dann Nummer sechs. Der australische spirituelle Meister Barry Long sagte dazu: „There is no higher self; only higher selfishness.“ Doch sicher ist, dass spirituelle und religiöse Werte sowie Gefühle von Einheit und Verbundenheit bei Menschen einen Platz in den inneren Betrachtungen über sich selbst haben werden.

Du selbst. Und wenn dann jemand sagt: Du musst einfach du selbst sein? Dann ist die Verwirrung komplett. Denn wer ist das nun wieder, diese Nummer sieben? Offenbar ist das nicht so deutlich, angesichts der vielen Kurse und Workshops, in denen gruppenweise nach sich selbst gesucht wird, und der vielen Bücher und Videos, die in den letzten Jahren dazu erschienen sind. Es gibt einen großen Markt für das Produkt „man selbst sein“. Das ist für mich Grund genug , um hier noch einen Blog drüber zu schreiben.

Der Schönredner. Erst neulich wurde mir bewusst, wer da sagt: „Na gut, okay, nur noch einen! Morgen fange ich dann wirklich an, weniger zu trinken oder Sport zu treiben. Der eine Tag macht doch auch nichts, oder?“ Sie kennen sicher Beispiele dafür. Eigentlich steht die Entscheidung, sich selbst noch etwas Aufschub zu gewähren, schon fest, aber Nummer acht liefert noch ein schönes, beruhigendes Argument dazu.

Der Beobachter. Menschen können sich auch auf den Stuhl des Beobachters setzen, Nummer neun. Der sieht alles, wie es geschieht, und tut eigentlich nichts weiter. Er oder sie urteilt nicht. Der Beobachter bekommt meist nicht so viel Raum von den anderen. Und dass das sehr schade ist, hoffe ich später noch einmal deutlich machen zu können.

Das Ganze

Das Selbstbewusstsein liefert oft kein eindeutiges Bild dieses Selbst. Die innere Sprache ähnelt häufig einem Gespräch oder sogar einem Streit zwischen verschiedenen Entitäten. Diese Gruppendiskussionen, manchmal mit einem einzelnen dominanten Sprecher, sind bei vielen Menschen einen großen Teil der Zeit präsent. Eine schöne Beschäftigung des Beobachters könnte es sein, einmal zu schauen, wen er oder sie da alles um sich herum versammelt hat.

Für jetzt schließe ich mit der Meinung von Jan Bransen, einem niederländischen Philosophen, der – wie viele Philosophen – über die „Vervielfältigung unserem selbst“ geschrieben hat. Er beantwortet die Frage, wer denn das echte Ich sei. Er schreibt: „Eine Verdoppelung oder Vervielfältigung unseres selbst hatte in der Philosophie immer einen ehrenvollen Platz. Platon teilte unsere Seele in drei Teile: als ein Gespann, gezogen von einem willigen und einem widerspenstigen Pferd und gelenkt von einem Wagenlenker. René Descartes teilte uns in zwei Teile: einerseits Körper, andererseits Geist. (..) Sigmund Freud kam auf drei: Es, Ich und Über-Ich“ und er schließt: „Dieses Vervielfältigen ist an sich kein Problem, solange nicht gedacht wird, dass eines davon das echte ist. Wer man ist, das ist gerade dieses Ganze.“


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