ÜBER KOMMUNIKATION

In einer geschlossenen Facebook-Gruppe unseres Chors hatte ich einmal ein Video von Nightwish gepostet. Es gab einige positive und auch ein paar kritische Reaktionen. Ein Chormitglied (nennen wir ihn der Einfachheit halber Jan2) schrieb: „An der musikalischen Bildung lässt sich wohl noch etwas verbessern.“

Meine Antwordt war: „Musikalische Bildung sollte nie dazu führen, dass man bestimmte Musik nicht mehr genießen kann, sondern eher dazu, sich für Genres zu öffnen, mit denen man weniger vertraut ist.“
Ich ging also davon aus, dass Jan2 meine musikalische Bildung kritisiert hatte, und reagierte entsprechend defensiv. Zu meiner großen Verlegenheit stellte sich jedoch heraus, dass er das gar nicht gemeint hatte, wie sein Nachsatz zeigte: „Ich meine das aus verschiedenen Perspektiven – lassen wir uns überraschen. Immer her damit!“

Kommunikation ist immer schwierig – besonders mit anderen Menschen.

Vier Ohren

Kommunikation ist schwierig, weil wir Menschen einander oft missverstehen. Manchmal liegt das an sprachlichen Hürden, häufiger aber daran, dass Dinge nur halb ausgesprochen werden und der Rest erraten werden muss. Oder wir hören nur mit halbem Ohr zu, weil wir innerlich schon an unserer Antwort feilen. Oder wir glauben ohnehin zu wissen, was der andere sagen wird – und hören deshalb gar nicht mehr richtig hin.

Eine der größten Herausforderungen in der Kommunikation besteht darin, dass wir gewissermaßen vier Ohren haben. Nach der Theorie des deutschen Psychologen Friedemann Schulz von Thun kann eine Aussage nämlich vier unterschiedliche Botschaften enthalten. Und entsprechend kann eine Frage auch auf vier verschiedene Arten gehört werden.

Nehmen wir den Tag der Müllabfuhr. An einem Freitagmorgen höre ich die Frage: „Steht die Mülltonne schon draußen?“

Das Sachohr
Wenn ich zufällig gesehen habe, dass sie noch im Schuppen steht, könnte ich schlicht antworten: „Nein.“ Eine sachliche Frage – sachlich beantwortet. Ich habe nur auf den reinen Informationsgehalt gehört. Das ist die einfachste Form des Verstehens.

Das Appellohr
Aber würde ich danach ruhig meinen Kaffee weitertrinken? Oder könnte in der Frage auch ein unausgesprochener Appell stecken, etwa: „Und wenn sie noch nicht draußen steht, könntest du sie bitte rausstellen?“ Wenn ich das mitdenke, habe ich die Frage als Aufforderung verstanden. Ich frage mich: Was will der andere eigentlich erreichen? Das Sachohr tritt zurück, das Appellohr übernimmt. Oft wird daraus geschlossen, dass der Fragende eine Bitte oder Erwartung äußert.

Das Selbstoffenbarungsohr
Man kann auch darauf achten, was die Frage über den Fragenden selbst aussagt. Mit diesem „Selbstoffenbarungs-Ohr“ hört man vor allem auf den Tonfall: Schwingt Ungeduld mit? Gibt es ein Seufzen? Vielleicht sogar ein Stöhnen, das andeutet: „Ich schaffe das gerade wirklich nicht allein.“

Das Beziehungsohr
Schließlich gibt es noch das Beziehungsohr. Was sagt die Frage über das Verhältnis zwischen den Beteiligten? „Höre ich da schon wieder einen Vorwurf heraus – dass ich etwas vergessen habe oder mich zu wenig im Haushalt einbringe? Sieht mein Gegenüber denn nicht, wie viel ich ohnehin schon mache?“

Und während wir all das hineininterpretieren, bleibt oft unklar, was eigentlich gemeint war – bis man miteinander darüber spricht.

Die Interpretation dessen, was jemand sagt, und welches „Ohr“ wir benutzen, hängt stark davon ab, welches Bild wir uns von der sprechenden Person gemacht haben. Und dieses Bild kann durchaus falsch sein. Später werde ich noch auf meine Erfahrungen mit Byron Katie eingehen. Sie arbeitet mit vier Fragen, die man sich über die eigenen Annahmen stellen kann – über andere und über sich selbst. Die erste lautet: „Ist das wahr?“ Und die zweite: „Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?“

Gewaltfrei

In den 1960er-Jahren entstand die Bewegung der Gewaltfreien Kommunikation. In großen gesellschaftlichen Konflikten bis hin zu Kriegssituationen wurden damit Erfolge erzielt, indem die Parteien wieder miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Im Zentrum stand die Bereitschaft, die Bedürfnisse der jeweils anderen Seite ernsthaft anzuhören und darauf aufbauend eine Beziehung zu entwickeln, die auf die Erfüllung gegenseitiger Bedürfnisse ausgerichtet ist.

Der Ansatz von Marshall Rosenberg wurde später unter anderem von der Französin Natalie Achard aufgegriffen. Organisationen wie Greenpeace und Amnesty International holten sie hinzu, als sie feststellten, dass sie seit Jahrzehnten dieselben Botschaften verbreiteten, ohne wirkliche Veränderungen zu erreichen. In ihrem jüngsten Buch zeigt sie, dass Vorwürfe, Schuldzuweisungen und das Vorschreiben von Verhalten wenig bewirken. Stattdessen kann der Fokus auf gegenseitige Bedürfnisse tatsächlich Brücken bauen – und der Ansatz aus den 1960er-Jahren ist bis heute wirksam.

Zwei Tage, nachdem ich das alles aufgeschrieben hatte, antwortete ich in einer WhatsApp-Gruppe auf eine Nachricht mit den Worten: „Das ist natürlich eine ganz schlechte Meinung“ Es wurde schnell klar, dass dieser Beitrag die Diskussion nicht vorangebracht hat. Wir haben drie Monaten ncht meht miteinder geredet. Theorie und Praxis liegen bei mir eben doch manchmal ein Stück auseinander.

An vielen Stellen sind wir weit davon entfernt, die Bedürfnisse anderer wirklich zu verstehen. Menschen kommen einander nicht näher. Hinzu kommt, dass von jedem ständig eine Meinung erwartet wird. Auf Klatschseiten wird häufig über Streitigkeiten zwischen Prominenten berichtet – und gleich eine Umfrage angehängt: „Wer hat recht: Ankie oder Trudy?“ Eine Antwort wie „Woher soll ich das wissen?“ ist dort nicht vorgesehen.

Und dann gibt es noch Vereinfachungen, Unwahrheiten, Fehlschlüsse und Verschwörungsdenken, bei dem Menschen auf Grundlage einzelner Beobachtungen, Vermutungen oder „eines Videos im Internet“ zu felsenfesten und lautstark verkündeten Wahrheiten gelangen.

Dazu werde ich selbstverständlich knallharte Standpunkte einnehmen.

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*) Friedrich Schulz von Thun: Miteinander reden. 1981
**) Byron Katie: Lieben, was ist. 2002
***) Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. 2001

Illustration: Johan Leo Koet

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Frühere Beiträge finden Sie unter:
www.dewereldenvanjan.blog

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