ÜBER ESSEN, SCHMECKEN UND GESCHMACK

Dieser Blog beschäftigt sich mit den Sinnen, die beim Essen beteiligt sind – und das ist längst nicht nur die Zunge.

Das Schmecken, also der Geschmackssinn, ist ein einfaches, aber äußerst wirkungsvolles Sinnesorgan. Ursprünglich dient er dazu festzustellen, ob Stoffe, die wir zu uns nehmen wollen, giftig oder ungiftig sind und ob sie nahrhaft sind oder nicht. Eine Art kleines chemisches Labor, in dem die Nahrung geprüft wird, bevor sie geschluckt wird. Aber Essen ist weit mehr als nur ein technischer Vorgang.

Essen ist mehr als Schmecken

Wenn wir essen, gelangen auch die Gerüche der Speisen direkt in die Nase. Ist die Nase verstopft, schmeckt das Essen deshalb deutlich weniger intensiv. Doch noch weitere Sinne sind beteiligt. Die Form der Nahrung im Mund wird durch den Tastsinn wahrgenommen, ebenso spüren wir, ob etwas kräftig gekaut werden muss oder vielleicht fast von selbst zergeht.

Nach den Regeln der Etikette soll man beim Essen möglichst wenig Geräusche machen. Aber von knusprigen Chips hieß es einmal treffend: „Sie schmecken so, wie sie krachen.“ Selbst die Verpackung muss rascheln – sonst sind es offenbar keine guten Chips. Und auch das Auge isst mit: Das Essen soll appetitlich aussehen.

Beim Essen sind also tatsächlich alle Sinne beteiligt.

Gefahr

Ich fand es sehr beruhigend zu lesen, dass bittere Stoffe – besonders von Kindern – oft abgelehnt werden, weil in unseren Genen noch gespeichert ist, dass viele giftige Pflanzen bitter schmecken. Die Weigerung, Bitteres zu essen, ist also eigentlich eine natürliche Schutzreaktion.

Mein Bruder konnte Endivien überhaupt nicht ausstehen, und ich selbst mochte Chicorée wegen seines bitteren Geschmacks nicht. Eigentlich hätten unsere Eltern das respektieren müssen, denn wir signalisierten damit ja, dass wir instinktiv wussten, was gut für uns war. Aber nein – wir wurden gezwungen, es trotzdem zu essen. Und indem wir uns an den bitteren Geschmack gewöhnten, verloren wir vielleicht sogar ein Stück jener Fähigkeit, lebenswichtige Unterschiede wahrzunehmen.

Zu meiner eigenen Überraschung esse ich heute gern Rosenkohl. Und tatsächlich ist es bei vielen Menschen so, dass sie im Laufe ihres Lebens Bitterstoffe immer besser vertragen – und sie schließlich sogar mögen.

Zu dick belegt

Trotzdem bin ich ein ausgesprochener Naschmensch geblieben. Als Kind wurde ich zu Hause manchmal „Jan Hagel“ genannt. Zuerst musste immer ein Butterbrot mit Käse oder Wurst gegessen werden, erst danach durfte etwas Süßes kommen.

Die Schokostreusel durfte ich natürlich nicht zu dick auf das Brot streuen. Deshalb erfand ich mein sogenanntes „Schiebebrot“: Schokostreusel auf das Butterbrot, das Brot in vier Stücke schneiden und dann die Streusel vom ersten Stück auf das zweite schieben. Das erste Stück ohne Streusel essen, dann auch das zweite entsprechend weiterbearbeiten – und am Ende hatte das vierte Stück einen herrlichen Berg Schokostreusel oben drauf.

Meine Mutter hatte die vorbereitenden Schritte nicht gesehen. Sie sah irgendwann nur dieses letzte Stück. Das war natürlich viel zu dick belegt, und die überschüssigen Streusel wurden zurück in die Packung geschüttet. Meine Erklärung half nichts.

Aufmerksamkeit für das Essen

Die Frage bleibt: Wie bewusst essen wir eigentlich?

Essen ist in den letzten Jahren ausgesprochen modern geworden. Kochbücher stehen in den Bestsellerlisten, es gibt zahllose Fernsehsendungen darüber, und Spitzenköche sind längst Stars. Neben gutem Geschmack geht es um gesundes Essen, um Ernährungskonzepte und um Diäten für das ideale Gewicht.

Man könnte also sagen: Diese Aufmerksamkeit führt automatisch zu bewussterem Essen.

Andererseits: Wenn eine nette Runde erst ausführlich beim Aperitif zusammensitzt, dazu Chips und andere salzige Snacks verzehrt, und wenn auch während des Essens reichlich getrunken wird, dann bleibt vom bewussten Schmecken – ebenso wie vom ausgewogenen Ernährungsplan – oft nicht mehr viel übrig. Dann ist Essen vor allem ein soziales Ereignis.

Meine Partnerin und ich bekommen dreimal pro Woche ein Kochpaket nach Hause geliefert. Dadurch werden wir regelmäßig eingeladen, neugierig zu probieren, was diesmal Besonderes auf dem Teller liegt.

Trotzdem bekommen wir nie genug von Sauerkrautstampf mit Spiegelei – und besonders im Sommer auch nicht von einer ganz einfachen Mahlzeit aus Salzkartoffeln und grünen Bohnen, übergossen mit einer Buttersoße mit Knoblauch.

Intensive Geschmackserlebnisse

Peter Winnen, erfolgreicher niederländischer Radrennfahrer bei der Tour de France in den 1980er Jahren, hatte seine intensivsten Erfahrungen mit Essen dann, wenn er sich in den Bergen geradezu zum Essen zwingen musste. Radrennfahrer müssen ihren enormen Energieverbrauch mit riesigen Kalorienmengen ausgleichen – 6000 bis 8000 Kilokalorien an einem Tag, an dem die Strecke über schrecklich hohe Pässe führt.

„Das viele Essen vor so einer Bergetappe war für mich eine Qual. Davon habe ich wirklich ein Trauma behalten. Da saß man morgens um sechs mit verschlafenem Kopf vor einer warmen Mahlzeit. Fressen, bis einem schlecht wird.“

Er erzählte, dass er bis heute Essen nicht wirklich genießen kann.

Meine intensivste Erfahrung mit Nahrung machte ich während eines Meditationskurses, bei dem die Teilnehmer 24 Stunden lang schweigen mussten und einander nicht ansehen durften. Ganz auf mich selbst zurückgeworfen, richtete sich meine gesamte Aufmerksamkeit auf das Geschehen in meinem Mund – so intensiv wie nie zuvor.

Den trockenen Reis und die Möhrchen (zum Frühstück!) und den langen Kauprozess habe ich nie vergessen.

Diese Woche las ich die Geschichte einer Frau, die sich vor dem Anblick einer Kakerlake ekelte. Plötzlich begriff sie, dass sie – genau wie dieses Tier – Teil derselben lebendigen Materie war. Sie aß die Kakerlake, und was dann geschah, berührte sie tief.

Es war, als würde sie zum ersten Mal überhaupt Geschmack wahrnehmen – und dieser Geschmack war: nichts. Durch das Essen der Kakerlake vermischte sie sich mit der Welt, legte ihre Menschlichkeit ab und fühlte sich dadurch befreit.

Es ist nur eine Geschichte, aus einem Roman¹, aber sie zeigt für mich sehr deutlich, dass Essen, Schmecken und das Erleben von Geschmack uns bewusst machen können, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Zum Schluss

Es wird geschätzt, dass weltweit mehr als 100 Millionen Liebeslieder aufgenommen wurden. Alle Stadien der Liebe werden besungen: neue Liebe, dauerhafte Liebe, Hingabe und Verehrung, Heirat, Zweifel, Versuchung, Untreue und vieles mehr.

Die Zahl der Lieder über das Essen dürfte dagegen nur ein Bruchteil davon sein.

Ich kenne einige niederländischsprachige Lieder über das Essen. Kennen Sie deutsche Lieder über das Essen? Ich freue mich darauf – Sie können unten gern einen Kommentar hinterlassen.

Nach diesem Blog folgen noch zwei weitere Beiträge über die Welt der Wahrnehmung. Danach kommen einige Betrachtungen über die Welt der Emotionen, und anschließend ist die Welt des Denkens an der Reihe.


¹ Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Penguin Verlag, München 2025.

llustration: Johan Leo Koet

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Frühere Beiträge finden Sie unter:
www.dewereldenvanjan.blog

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