ÜBER UNSERE BEZIEHUNG ZU DEN DINGEN

Besitz ist ein wichtiges Thema im Leben. Etwas zu besitzen bedeutet nicht nur, es zu haben, sondern auch eine Beziehung dazu zu entwickeln. In diesem Blog beschreibe ich verschiedene Gebiete wo wir uns zu Dingen verhalten..

Wir alle haben Gegenstände, die uns besonders am Herzen liegen, und andere, denen wir eher gleichgültig gegenüberstehen. Als Erstes als ich mich mit diesem Thema beschäftigte, fiel mir mein Waterman-Füllfederhalter ein. Von derselben Marke hatte ich später auch einen Kugelschreiber und einen Druckbleistift. Seit mehr als zehn Jahren benutze ich sie nicht mehr, dennoch bewahre ich sie in ihrer Originalverpackung und finde sie bis heute schön. Ein weiteres Beispiel für Dinge, an denen ich hing, sind meine Armbanduhren – stets schlicht, mit weißem Zifferblatt und schwarzer Stundenmarkierung. Füllfederhalter und Uhr gehörten zu meiner Standardausrüstung, wenn ich ins Büro ging; sie waren einfach ein Teil von mir.

Mode

Ich interessiere mich nicht besonders für Kleidung, doch von Kleidungsstücken, die eigentlich längst zu abgetragen sind, kann ich mich nur schwer trennen. Zu Hause trage ich oft einen meiner ältesten Pullover. Und weil sie einfach bequem sind, kaufe ich seit zwanzig Jahren immer wieder dieselben Schuhe – trotz ihres etwas martialischen Namens: die Air Force 1 von Nike. Vor Kurzem sprachen mich ein paar etwa siebzehnjährige Jungens an: „Schöne Schuhe haben Sie!“, Ich bedankte mich für das Kompliment und musste lachen, als ich bemerkte, dass sie genau dieselben Schuhe trugen. Wer lange genug gleich gekleidet bleibt, erlebt irgendwann, dass sein Stil wieder in Mode kommt.

Das Werkzeug

Auf das Thema „eine Säge lieben“ brachte mich eine schöne Geschichte meines ehemaligen Kollegen, Freundes und Wandergefährten Evert. Sie handelt von seinem damals bereits lange verstorbenen Schwiegervater.

“Mein früherer Schwiegervater – bis ins hohe Alter Schreiner und zusammen mit seinem Bruder Mitinhaber einer Holzsägerei mit angeschlossener Schreinerei – hängte jeden Samstagnachmittag gegen drei Uhr ein Schild mit der Aufschrift GESCHLOSSEN an die Eingangstür seines Betriebs. Dann begann er, Werkzeuge und Materialien aufzuräumen. Dabei sortierte er jene Werkzeuge aus, die geschärft werden mussten: Stechbeitel und Sägen. Mit seinen schwieligen Fingern strich er über Schneiden und Sägezähne, um ihren Zustand zu prüfen. Nachdem alles aufgeräumt war, begann das Schärfen. Die Beitel kamen an die Schleifscheibe. Die Sägen wurden in einen Schraubstock eingespannt, und Zahn für Zahn wurde mit einer dreikantigen Feile nachgeschärft. Das war eine äußerst sorgfältige Arbeit. Jeder einzelne Zahn wurde bearbeitet, wobei mein Schwiegervater darauf achtete, dass die Zähne links und rechts des Sägeblatts exakt in einer Linie standen. Wenn man entlang eines solchen Sägeblatts blickte, sah man die Zähne auf beiden Seiten glänzen. (…) Manchmal sägte auch ich etwas in der Werkstatt. Er brachte mir bei, dass man eine Säge weder drücken noch zerren soll. ‚Die Säge möchte die Arbeit selbst machen. Du musst sie nur ruhig hin- und herbewegen und entlang des Bleistiftstrichs führen. Je mehr du selbst ziehst und drückst, desto schwerer machst du es ihr, dieser Linie zu folgen. Aufmerksamkeit und Liebe – darauf kommt es an.‘“

Autos

Meine Partnerin und ich haben, wenn es um Autos geht, eine ähnliche Gewohnheit wie Evert. Wenn unser Wagen nach stundenlanger Fahrt wieder zuverlässig schnurrend seinen Dienst getan hat, bekommt er anerkennende Klopfer auf die Karosserie und ein paar freundliche Worte dazu. Besonders ein älteres Modell wie unseres braucht so etwas vielleicht, damit es beim Anblick all der jungen Fahrzeuge, die auf der Autobahn vorbeiziehen, nicht doch noch einen – völlig unbegründeten – Minderwertigkeitskomplex entwickelt.

Sammeln

Viele Menschen sammeln Dinge. Ich selbst besitze mehr als hundert Buddha-Figuren. In den 1970er- und 1980er-Jahren bekam ich sie geschenkt weil es mir immer schwerfiel, Wunschlisten zu schreiben und ich bereits einige hatte, weil man sie offenbar für ein passendes Geburtstagsgeschenk hielt und weil sie so schön zu den anderen Buddha-Figuren im Regal passten. Eines Tages werde ich sie verkaufen, denn seit dreißig Jahren liegen sie in einer großen Kiste.

Verloren

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hatte ich einen Spielzeugauto, ein Geländewagen. Dessen Fahrer nannte ich einfach „das Männchen“. Irgendwann verlor ich ihn. Traurig war ich darüber jedoch nicht, denn in meiner Fantasie war er weiterhin da. Ich nahm ihn überallhin mit, sogar auf Spaziergänge mit der Familie. Das einzige Problem war, dass er nicht besonders schnell war – manchmal mussten wir alle auf ihn warten.

Weil er in meiner Vorstellung immer bei mir war, konnte ich ihn auch nie wirklich verlieren.

Doch so einfach ist es nicht immer, wenn wir etwas verlieren. Wenn mit einem Gegenstand schöne Erinnerungen verbunden sind, kann es lange dauern, bis wir darüber hinwegkommen, dass er verschwunden oder kaputtgegangen ist.

Aufraümen

Und dann ist da noch das Aufräumen – ein Thema für sich. Wenn mir etwas nichts mehr bedeutet und nur noch im Weg steht, trenne ich mich meist recht leicht davon. Dabei vergesse ich allerdings  den Gegenstand noch einmal bewusst in die Hand zu nehmen und ihm dafür zu danken, dass er mir gedient hat. Genau das empfiehlt die Aufräum-Guruin Marie Kondo 1). Ihre Idee beruht unter anderem auf der aus dem Shintō stammenden Vorstellung, dass in allen Dingen ein Geist oder eine Lebenskraft wohnt und dass alles aus derselben Quelle hervorgegangen ist. Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert, aber vielleicht macht es das Loslassen tatsächlich leichter.

Es gibt auch Menschen, die unaufhörlich Dinge anhäufen. In den Niederlanden gab es einen Schriftsteller, bei dem nach seinem Tod rund 100.000 Bücher im Haus gefunden wurden. Man vermutet, dass er ein sogenannter „Hoarder“ war – jemand mit einem krankhaften Sammeltrieb, der nichts wegwerfen kann. Wahrscheinlich gehörte das Buch von Marie Kondo nicht zu seiner Sammlung.

Ein Stück von uns selbst

Die Verbindung, die wir zu unseren eigenen Dingen haben, spielt auch bei gemeinsamem Besitz eine Rolle. Als die Kathedrale Notre-Dame de Paris brannte und Stück ihres Turmes einstürzte, sagte ein Zuschauer: „Es ist, als würde ein Stück von mir selbst verloren gehen.“

Die Dinge, die wir besitzen – allein oder gemeinsam mit anderen – und an denen wir hängen, werden Teil von uns selbst. Sie gehören zu dem Bild, das wir von uns haben, zu unserer persönlichen Identität. Je stärker diese Verbindung ist, desto schwerer fällt uns der Abschied von ihnen.

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  1. Literatur:  Magic Cleaning, deutsche Ausgabe: *Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert*.

Foto: pexels.com pexels-skitterphoto-9280

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