ÜBER SPIEGELUNG UND EINFÜHLUNG

Ich liege in meiner Wiege, brabble zufrieden vor mich hin, mache kleine Geräusche, strample mit den Beinchen und stecke alles Mögliche in den Mund – zum Beispiel meine Händchen. Ab und zu erscheint ein Gesicht über mir. Wenn ich lache, lächelt die andere Person zurück. Schon sehr früh habe ich das bemerkt und begann, dieses Verhalten ebenfalls zu übernehmen

Damit hatte das große Nachahmen begonnen – die Fähigkeit, andere zu imitieren, die im Leben eine so wichtige Rolle spielt. Noch leichter fiel mir das, als ich mich selbst im Spiegel erkannte. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für Menschenaffen. Bereits im Alter von etwa zwei Jahren können Kinder sich im Spiegel wiedererkennen. Damit wird zugleich die Grundlage für die Unterscheidung zwischen dem eigenen Ich und dem Anderen gelegt.

Das spiegelnde Gehirn

In seinem faszinierenden Buch über Spiegelneuronen erzählt Marco Iacoboni, wie Forscher im italienischen Parma entdeckten, dass es so etwas wie Spiegelneuronen überhaupt gibt. Wie so oft in der Wissenschaft spielte auch hier der Zufall eine entscheidende Rolle.

Die Wissenschaftler untersuchten bei Affen, welche Hirnregionen bei bestimmten Tätigkeiten aktiv werden. So zeigte sich beispielsweise, dass bestimmte Nervenzellen deutlich aktiv wurden, wenn ein Affe nach Futter griff.

Eines Tages aß einer der Forscher sein Mittagessen in der Nähe eines Affen, der noch an die Messgeräte angeschlossen war. Der Affe selbst saß vollkommen still. Dennoch registrierten die Geräte eine starke Aktivität in genau jenem Hirnareal, das für die Greifbewegung zuständig ist.

Der Affe hatte lediglich beobachtet, wie der Forscher das Essen mit der Hand aufnahm. Sein Gehirn reagierte jedoch so, als würde er selbst nach dem Essen greifen. Daraus schlossen die Forscher, dass es Nervenzellen geben muss, die einerseits visuelle Eindrücke verarbeiten und gleichzeitig motorische Prozesse regeln: die Spiegelneuronen.

Oder anders gesagt: Essen sehen ist fast wie selbst essen – zumindest für das Gehirn.

Einfühlung durch Nachahmung

Es passiert mir gelegentlich, zum Beispiel wenn ich an einer Bar mit jemandem ins Gespräch vertieft bin, dass ich plötzlich bemerke, genau dieselbe Körperhaltung eingenommen zu haben wie mein Gegenüber.

Vielleicht haben Sie auch schon einmal erlebt, dass jemand, dem Sie eine traurige Geschichte erzählen, unwillkürlich ebenfalls einen traurigen Gesichtsausdruck bekommt. Das ist ein bekanntes Phänomen. Menschen spiegeln die Körperhaltung und Mimik des anderen – und gelangen dadurch in eine ähnliche Gefühlslage.

Schon Edgar Allan Poe wusste das. In seiner Erzählung *Der entwendete Brief* (*The Purloined Letter*, 1844) lässt er den Detektiv C. Auguste Dupin sagen:

> „Wenn ich herausfinden will, wie klug oder töricht, wie gut oder schlecht jemand ist, passe ich meinen Gesichtsausdruck so genau wie möglich dem seinen an. Dann warte ich ab, welche Gedanken und Gefühle sich in mir einstellen – und es ist, als würde ich mich mit dem anderen verbinden und auf seinen Ausdruck antworten.“

Emotionen übertragen

Manche Menschen wissen sehr genau, dass Emotionen auf andere übertragen werden können. Das gilt für Musiker und Cheerleader ebenso wie für Redner.

Volksverführer wie Hitler oder Mussolini hielten ihre Reden in einem äußerst emotionalen Tonfall. Zunächst erzeugten sie Angst, anschließend schürten sie Wut. So entstand jene emotionale Energie, mit der sich ganze Menschenmassen in Bewegung setzen ließen.

Übrigens werden auch heute noch in nahezu jedem Rhetorikkurs die drei Elemente einer guten Rede behandelt, die bereits auf die Antike zurückgehen: Glaubwürdigkeit des Redners (Ethos), eine logisch aufgebaute Argumentation (Logos) und das Ansprechen der Gefühle des Publikums (Pathos). Jeder erfolgreiche Politiker oder Manager macht davon – bewusst oder unbewusst – Gebrauch. Winston Churchill, Martin Luther King und Nelson Mandela werden häufig zu den größten Rednern der Geschichte gezählt.

Lachen über Home Videos

Manchmal bekomme ich sogenannte lustige Videos zugeschickt – ganz im Stil von *Pleiten, Pech und Pannen*. Doch oft kann ich darüber überhaupt nicht lachen.

Wenn jemand ins Wasser springt und sich herausstellt, dass es von einer dicken Eisschicht bedeckt ist,

oder wenn ein Heimwerker bei einer kleinen Dachreparatur mitsamt der Dachrinne in die Tiefe stürzt,

oder wenn der Fahrer eines nagelneuen Motorrads sein Fahrzeug schon bei der ersten Ausfahrt nicht beherrscht und abgeworfen wird wie von einem ungezähmten Pferd,

oder wenn sich herausstellt, dass der Ast, den jemand hoch oben im Baum absägt, genau der Ast ist, auf dem er selbst sitzt,

oder wenn ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Schlitten einen verschneiten Hang hinunterrast, immer schneller wird und schließlich den einzigen Baum auf der ganzen Piste nicht mehr vermeiden kann,

dann zieht sich bei mir alles im Unterleib zusammen. Sogar jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.

Ein Signal

Die Emotion des einen wird vom anderen mitgefühlt. Durch das Spiegeln entsteht die Grundlage für Einfühlung – und damit für ein gutes Funktionieren sozialer Gruppen. Emotionen erfüllen also nicht nur für denjenigen eine wichtige Funktion, der etwas erlebt. Sie sind zugleich ein Signal für andere und besitzen damit auch eine soziale Funktion.

Den Menschen jedoch, die in den vermeintlich lustigen Home-Videos die Hauptrolle spielen, nützt es überhaupt nichts, dass Millionen Zuschauer ihre Missgeschicke sehen und daraus vielleicht etwas lernen. Wir können ihnen längst nicht mehr helfen. Mir jedenfalls bereiten solche Videos körperliches Unbehagen.

Deshalb habe ich beschlossen, sie mir nicht mehr anzusehen.

Nachtrag

Gestern habe ich – trotzdem – Bilder gesehen aus der Fernsehsendung Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Auch dort gab es zahlreiche Situationen, in denen sich Teilnehmer vermutlich ernsthaft verletzt haben. Die Kommentatoren waren sich einig, dass ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Sendung das sogenannte *Schadenfreude*-Prinzip sei.

Ich vermute allerdings, dass viele Zuschauer – so wie ich – das Leid der Betroffenen zunächst durchaus körperlich mitempfinden, aber dass dieses Mitgefühl durch die Schadenfreude überlagert oder kompensiert wird. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen entsteht Schadenfreude vor allem dann, wenn das Unglück des Betroffenen als „verdient“ empfunden wird oder wenn sich der Zuschauer im Vergleich zum Opfer besser fühlt. Hinzu kommt in einer solchen Fernsehsendung möglicherweise noch, dass die Teilnehmer sich freiwillig auf diese riskanten Situationen eingelassen haben.

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1)Marco Iacoboni: *Wo Spiegelneuronen sich spiegeln. Empathie, Imitation und die Evolution des Sozialverhaltens*.

Illustration: Johan Leo Koet

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