
ÜBER DEN GEMEINSCHAFTSSINN UND DAS JUBELN
Auch für Fußballliebhaber
Gemeinschaften
Für viele Fußballfans geht es in den kommenden Wochen vor allem darum, ob ihr Land gewinnt. Sie unterstützen die Vertreter der Gemeinschaft, zu der sie sich zugehörig fühlen. Gemeinschaften gibt es in vielerlei Formen: Arbeitsgruppen, Freundeskreise, Sportvereine, politische Parteien, das Land, in dem man lebt, Chöre oder andere Vereine. Man kann auch Anhänger oder Fan einer Mannschaft sein. Dann identifiziert man sich mit deren Erfolgen und Niederlagen.
Wenn jemand laut jubelt, weil seine Mannschaft gewonnen hat, oder niedergeschlagen ist, weil sie verloren hat, dann ist sein Gemeinschaftssinn angesprochen.
Ich selbst erlebe immer wieder, dass die Gefühle beim gemeinsamen Anschauen eines Fußballspiels deutlich intensiver sind als vor dem Fernseher allein. In der Gruppe wird das Gemeinschaftsgefühl stärker spürbar. So habe ich beispielsweise mit meinen Chorkollegen – etwa dreißig Männern – ein Spiel der vergangenen Weltmeisterschaft auf einem kleinen Fernsehbildschirm verfolgt. Ich war völlig in das Spiel vertieft. Wenn mich wieder einmal ein begeisternder Angriff mitriss, bei dem die Gegner scheinbar regungslos stehen blieben, der Ball aber am Ende doch knapp am Tor vorbeiging, fragten die anderen manchmal etwas besorgt, ob ich mich nicht ein wenig zu sehr aufregte.
Teamgeist
Dass man persönliche Interessen dem Wohl der Mannschaft unterordnen müsse, hört man in den Analysen nach jedem Fußballwochenende. Ich selbst war nie besonders teamorientiert. Vielleicht wollte ich deshalb lieber Torwart bei Ajax werden als Feldspieler. Wahrscheinlich fehlten mir auch der Überblick und das Gespür für Gruppenzusammenhänge. Bei Westernfilmen wusste ich zum Beispiel nie, wer die Guten und wer die Bösen waren. (Heute weiß ich, dass ich damals warscheinlich hätte denken sollen, dass die Indianer die Bösen waren.)
Ich war wohl sechs oder sieben Jahre alt, als wir einmal auf der Straße mit Blasrohren spielten – diese Plastikrohre, durch die man selbst gebastelte Papierpfeile aus Zeitungspapier oder Frauenzeitschriften schießen konnte. Ich glaube, wir standen zu fünft einer Gruppe von drei Jungen gegenüber. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Seite der anderen viel mehr Pfeile auf dem Boden lagen als bei uns. Das war natürlich logisch: Wir waren zu fünft und schossen entsprechend mehr Pfeile ab. Also wechselte ich kurzerhand die Seite, denn dort konnte ich viel mehr schießen. Später erklärte mir mein älterer Bruder, der zu unserer ursprünglichen Gruppe gehörte, dass ich das künftig besser bleiben lassen sollte.
Soweit ich mich erinnere, stellte sich mein erstes echtes Gefühl von Teamverbundenheit erst Jahrzehnte später ein. Damals gingen wir mit dem Managementteam unseres Büros Paintball spielen. Langsam schlichen wir voran, gaben uns leise Zeichen über die Position des „Feindes“ und waren dabei stark voneinander abhängig. Dieses Zusammenspiel vermittelte mir ein ganz besonderes Gefühl.
In der Aufregung über unsere erfolgreiche Aktion schoss ich anschließend dreimal aus etwa anderthalb Metern Entfernung auf den leitenden Gerichtsvollzieher, obwohl man uns eingeschärft hatte, mindestens zehn Meter Abstand zu halten. Glücklicherweise war der Mann robust genug, um das wegzustecken. Später gab er mir sogar einen Tipp zu einem Haus, das in seinem Arbeitsgebiet zum Verkauf stand. Dort wohnen wir inzwischen seit mehr als dreißig Jahren.
Jubeln – aber nicht zu lange
Fast jede Woche sehe ich mir die Fußballzusammenfassungen im Fernsehen an. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie stark sich das Verhalten der Spieler auf dem Platz von dem unterscheidet, was sie anschließend in Interviews sagen.
Wenn ein Spieler ein Tor erzielt hat, springt er oft noch einen halben Meter höher in die Luft als bei dem Kopfball, mit dem er gerade getroffen hat. Dann rennt er los und rutscht auf den Knien zehn oder fünfzehn Meter über den Rasen. Dabei denke ich jedes Mal: Hoffentlich liegt dort kein Glas – sonst sind die Kreuzbänder sofort durchtrennt.
Anschließend folgt die große Gruppenumarmung: Alle Mitspieler werfen sich auf ihn oder legen sich über ihn.
Manchmal kommt die Mannschaft sogar sofort zum Gratulieren, noch bevor der Torschütze überhaupt zu seiner Knie-Rutsch-Show ansetzen kann. Dann steht er noch aufrecht da, während fünf, sechs oder noch mehr Mitspieler an ihm hochspringen und sich an ihn hängen. Ob seine Beine dieses Gewicht wirklich aushalten? Müsste nicht ein Trainer oder Sportphysiotherapeut darauf hinweisen, dass das eigentlich unverantwortlich ist?
Dann steht der glückliche Torschütze vor der Kamera. Der Reporter lädt ihn ein, etwas über sein großartiges und wichtiges Tor zu sagen, das immerhin den Ausgleich gebracht hat. Der Spieler wird plötzlich ernst und erklärt vorsichtig:
„Wir haben das natürlich als Mannschaft geschafft. Ich versuche einfach, wichtig für das Team zu sein. Schade, dass wir die drei Punkte nicht mit nach Hause nehmen konnten.“
Vor der Kamera sollte man sich eben nicht allzu sehr selbst feiern – das könnten die Mitspieler übelnehmen. Auch das gehört zum Teamgeist.
Überleben
Schon Darwin stellte fest: Je stärker Loyalität, Gehorsam, Mut und gegenseitige Unterstützung innerhalb einer Gruppe ausgeprägt sind, je mehr ihre Mitglieder bereit sind, einander zu helfen und sich notfalls für das Gemeinwohl zu opfern, desto größer sind ihre Chancen, sich gegenüber anderen Gruppen zu behaupten. Das ist natürliche Selektion.
Und genau diese Eigenschaften brauchen wir auch heute noch, wenn wir als Gruppe etwas erreichen wollen – sei es im Fußball oder anderswo.
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Bild: Pixabay-teamworkFrühere
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