
ÜBER DAS KATEGORISIEREN VON MENSCHENGRUPPEN
Heute geht es um die Gruppen, zu denen ein Mensch gehören kann – um die Menschen also, die mit „wir“ gemeint sind. Wenn ich von unserem letzten Urlaub spreche und sage: „Wir waren in der Normandie im Urlaub“, dann meine ich meine Partnerin, meine beiden jüngsten Kinder und mich selbst. Wenn ich sage: „Wir machen das lieber im Stehen“, dann spreche ich – beispielsweise – über etwa die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich über Männer einschließlich meiner selbst, und über die Körperhaltung beim Urinieren. Nur als Beispiel natürlich, unabhängig davon, ob diese Aussage überhaupt stimmt und ob diese Vorliebe auch praktisch umgesetzt werden sollte.
Jedem „Wir“ stehen alle Menschen gegenüber, die nicht dazugehören, und diese teilen wir gerne in eigene Gruppen ein: Menschen aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten, Menschen mit unterschiedlichem religiösem oder weltanschaulichem Hintergrund, mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Altersgruppen und so weiter.
Gegenüber – oder vielleicht besser: neben – jedem „Wir“ gibt es mindestens ein „Sie“. Und jedes dieser „Sie“ bekommt ein Etikett aufgeklebt – eine Folge jenes Kategorisierens, mit dem wir unsere Umwelt überschaubar und handhabbar machen.
Vor und nach der Weihnachtsnacht
In seinem “Buch Im Grunde gut” zeigt Rutger Bregman 1), dass Kinder dieses Etikettieren der „anderen“ bereits in sehr jungem Alter praktizieren. In einer Schulklasse wurden den Kindern zufällig blaue oder rote T-Shirts gegeben, und es dauerte nicht lange, bis die „Blauen“ eine Meinung über die „Roten“ entwickelt hatten – und umgekehrt.
Bregman nennt allerdings auch eindrucksvolle Beispiele dafür, wie solche Bilder über „die anderen“ plötzlich verschwinden können. Etwa in der Weihnachtsnacht des Jahres 1914: Deutsche und französische Soldaten stiegen aus ihren Schützengräben und sangen zwischen den Frontlinien gemeinsam Weihnachtslieder. Für viele war es vermutlich das erste Mal, dass sie dem „Feind“ direkt in die Augen blickten. Und das Bild vom anderen hatte sich für immer verändert.
Später kämpften sie wieder gegeneinander – aber nicht, weil die Männer auf der anderen Seite plötzlich wieder Feinde geworden waren, sondern weil sie ihre Kameraden nicht im Stich lassen wollten, oderauch nicht desertieren dürften.
Bilder und Etiketten
Ich selbst bin in einem weißen, katholischen Umfeld aufgewachsen. Geschichten darüber, dass katholische und protestantische Schüler sich prügelten, habe ich zwar gehört, selbst erlebt habe ich das jedoch nie. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich als einzigen nicht-weißen Mitschüler an einen Jungen mit – wie ich damals dachte – japanischem Namen. Erst vor Kurzem erfuhr ich, dass er der Sohn eines balinesischen Prinzen war.
Vielleicht gerade wegen dieses einseitigen Umfelds bin auch ich – trotz meiner deutlichen Ablehnung von Diskriminierung – nicht darum herumgekommen, mir Bilder und Etiketten über bestimmte Gruppen von Menschen zu bilden und diese dann einzelnen Personen zuzuschreiben.
Meine Erfahrung ist ebenfalls, dass persönliche Begegnungen mit Menschen aus solchen „anderen“ Gruppen sehr hilfreich dabei sind, starre Vorstellungen über diese Gruppen loszulassen.
Auf YouTube findet man heute zahlreiche Videos über „die Niederländer“ – insbesondere darüber, dass sie angeblich so direkt seien. Das mag im Durchschnitt vielleicht häufiger zutreffen als etwa bei Japanern, aber selbstverständlich gilt das nicht für jeden einzelnen Niederländer.
Venus und Mars
Eine ganz besondere Gruppeneinteilung – vor allem deshalb, weil die Mitglieder beider Gruppen oft geradezu bemüht sind, mit jemandem aus der anderen Gruppe zusammen zu sein – ist die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen.
In dem Buch “Männer sind anders. Frauen auch” von John Gray 2), das sich allein in den Niederlanden 450.000-mal verkauft hat, werden biologische Argumente angeführt, um Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen zu erklären. Inzwischen ist jedoch die vorherrschende wissenschaftliche Auffassung, dass die meisten Unterschiede in Verhalten und Vorlieben durch Sozialisation entstehen und kein eindeutiges biologisches Fundament haben.
Währenddessen setzt sich die Emanzipation der Frauen weiter fort 3), und die Männer versuchen, einigermaßen mitzuhalten. Kaum vorstellbar, dass Frauen im öffentlichen Dienst in den Niederlanden erst ab 1955 nach einer Heirat nicht mehr automatisch entlassen wurden. Davon sind wir inzwischen weit entfernt. Dennoch verdienen Frauen für die gleiche Arbeit oft noch immer weniger als Männer, übernehmen mehr Hausarbeit, und auch die Verantwortung für die Kindererziehung ist weiterhin ungleich verteilt. Man muss sich nur einmal auf Schulhöfen umsehen, wenn die Kinder nachmittags abgeholt werden: Dort dominieren die Frauen, und die meisten Männer, die warten, sind pensionierte Großväter.
Hinzu kommt, dass Frauen einem Schönheitsideal ausgesetzt sind, das unter anderem von Modezeitschriften geprägt wird. In einem Interview sagte einmal jemand aus der Redaktion eines Modemagazins:
„Die Wirklichkeit lässt sich nicht mehr verkaufen.“
Mit anderen Worten: Vieles, was in solchen Magazinen gezeigt wird, ist künstlich inszeniert. Das führt zu immer mehr Cremes und Kosmetik – und oft zu weniger Selbstwertgefühl. Apps entfernen auf Fotos für Instagram und ähnliche Plattformen auf Wunsch automatisch Falten und Unebenheiten. Inzwischen treten aufgrund all dieser Gesichtscremes immer mehr Gesundheitsprobleme auf. Manche jungen Mädchen werden von Influencern dazu verleitet, sogar zehn Cremes übereinander aufzutragen und schädigen dadurch ihre Haut.
Äußeres und Identität
Biologische Unterschiede spielen übrigens auch eine wichtige Rolle in der Diskussion über Menschen, die nicht in das klassische Schema „Mann/Frau“ passen.
Mittlerweile wurden zahlreiche Gruppen beschrieben, zu denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer empfundenen Geschlechtsidentität gehören können. Besonders die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Menschen das bei der Geburt offiziell eingetragene Geschlecht ändern dürfen, ist ein aktuelles gesellschaftliches Thema.
Interessant ist dabei, dass laut dem Hirnforscher Dick Swaab ein bestimmter Gehirnbereich gefunden wurde, der sich bei Frauen und Männern unterscheidet – wobei diese Unterschiede individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. 4)
Außerdem wurde festgestellt, dass dieser Gehirnbereich bei Männern, die sich stärker als Frau empfinden, durchschnittlich eher weibliche Merkmale zeigt als bei anderen Männern. Der Bereich, in dem sich das Gefühl der „Geschlechtsidentität“ entwickelt, entsteht beim Fötus erst später als die Geschlechtsorgane; beide Entwicklungen verlaufen also nicht vollständig parallel.
Körperliche Faktoren können daher durchaus eine Rolle dabei spielen, ob jemand sich als Mann oder als Frau empfindet.
Eigentlich schien alles einmal ganz einfach: Es gibt Männer und Frauen; Männer fühlen sich als Männer und Frauen als Frauen; sie verhalten sich entsprechend; Männer fühlen sich zu Frauen hingezogen und Frauen zu Männern. Die Realität ist jedoch vielfältiger – eine Vielfalt, die manche nur schwer akzeptieren können.
Gehört man wirklich dazu?
Bisher ging es vor allem um das Wir-und-Sie-Denken und darum, wie Gruppen aufeinander blicken. Das wird wohl immer in Bewegung bleiben.
Eine ganz andere Geschichte ist das Geschehen innerhalb von Gruppen: in Vereinen, am Arbeitsplatz, unter Nachbarn, innerhalb von Familien und so weiter. Auch dort spielt sich vieles ab – vielleicht vor allem die wichtigste Frage überhaupt: Gehört man wirklich dazu oder nicht?
Darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal.
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- Im Grunde gut. Rutger Bregman. Rowohlt, 2020.
- Männer sind anders. Frauen auch.. John Gray. Goldman, 1993.
- Jede Bewegung erzeugt ihre Gegenbewegung. In den USA gewinnen sogenannte „tradwives“ („traditional wives“) an Sichtbarkeit – traditionelle Hausfrauen, deren zentrale Werte Fürsorge, Anpassungsfähigkeit und vor allem Mutterschaft sind. Auf YouTube und TikTok (Facebook gilt in diesen Kreisen inzwischen eher als unmodern) zeigen sie – man kann einfach nach „tradwives“ suchen –, wie sie sich für ihre Männer schön machen und sie umsorgen, häufig unter Bezug auf die Bibel.
- de Volkskrant, 3. Dezember 2022: „Biologen sehen immer mehr Zwischenformen zwischen Mann und Frau.“
Bild: Johan Leo Koet
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