Auf dem Dam in Amsterdam steht auf der einen Seite ein Denkmal und auf der anderen Seite ein Palast. Das ist allgemein bekannt. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob das auch jetzt noch so ist. Wenn das Denkmal und der Palast plötzlich verschwinden würden, würde es nicht lange dauern, bis ich das aus den Nachrichten oder von anderen erfahren würde. Bis dahin werde ich jedoch davon ausgehen, dass die Wirklichkeit darin besteht, dass diese beiden Bauwerke dort stehen. Das ist dann eine Vorstellung in meinem Kopf, beruhend auf Eindrücken aus der Vergangenheit. Aber ich kann nicht behaupten, dass dies auch jetzt die Wirklichkeit ist.

Wir möchten eine Vorstellung von der Welt um uns herum haben, ein Bild von unserer „relevanten Umgebung“ – auch von Dingen, die wir überhaupt nicht wahrnehmen können. Vieles davon wird sicherlich stimmen. Aber etwas wahrzunehmen, das jetzt tatsächlich da ist, und von etwas auszugehen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Denken

Im vorherigen Blog habe ich Beispiele für unmittelbare Reaktionen auf das gegeben, was wir wahrnehmen. Diese schnelle Reaktion auf alles, was uns begegnet, finden wir auch beim Denken.

Beim Denken bauen wir unter anderem auf Erfahrungen aus der Vergangenheit auf. Dabei vergessen wir jedoch, dass unser Gedächtnis nicht zuverlässig ist. Ermittler und Richter werden sehr häufig mit widersprüchlichen Aussagen konfrontiert, zum Beispiel von Zeugen einer Schießerei, bei der ein Zeuge sagt, er habe einen Schuss gehört, während andere von drei Schüssen berichten.

Außerdem übernehmen wir allerlei Dinge aus der Wissenschaft. Dabei vergessen wir oft, dass es sich vielfach um Theorien handelt, denen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird, die weniger als 100 Prozent beträgt. Ein Satellit, der etwas weiter flog als seine Vorgänger, sorgte im vergangenen Jahr bestimmt einmal im Monat für den Ausruf: „Jetzt müssen wir unsere Hausaufgaben über die Entstehung des Universums oder über Phänomen X wieder ganz von vorne beginnen!“

Das Bild, das wir von der Welt haben, ist nicht die Wirklichkeit. Es ist eine Vorstellung, die auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, auf Bildern und Vorstellungen anderer Menschen und auf unserem Denken beruht – und dieses Denken ist keineswegs fehlerfrei.

Wir und die anderen

Unser Denken ist sehr häufig damit beschäftigt, Dinge zu kategorisieren. Alle Gegenstände, die speziell zum Sitzen hergestellt werden, nennen wir „Stuhl“. Das ist ein Etikett und macht die Kommunikation einfacher. Wir wissen alle, was mit „Stuhl“ gemeint ist.

Aber wir kleben auch Etiketten auf Gruppen: Millennials, Bauern, Männer, Asylsuchende, Demokraten, Fans eines bestimmten Fußballvereins usw. Mit jedem Etikett verbinden wir eine allgemeine Eigenschaft, die wir den Mitgliedern dieser Gruppe zuschreiben.

Einmal nahm ich in Deutschland an einem Meditationskurs teil, an dem viele Deutsche beteiligt waren. Nach einer Stunde hatte sich mein Bild von Deutschen radikal verändert. Ich sah nur noch ausgesprochen freundliche, herzliche und verständnisvolle Deutsche, die überhaupt nicht so schroff und laut waren, wie es mir immer vermittelt worden war. Ich glaube, dass ich sofort wieder ein neues Etikett aufgeklebt hatte – zumindest eine andere Beschreibung ihrer Eigenschaften. Und das war bereits geschehen, bevor klar wurde, dass eine der deutschen Teilnehmerinnen meine Lebenspartnerin werden würde. Natürlich war auch diese neue Vorstellung nicht richtig. Denn die Vorstellung, dass alle einzelnen Deutschen freundlich, herzlich und verständnisvoll sind, entspricht ebenso wenig der Wirklichkeit wie das Gegenteil.

Die einzige Wirklichkeit besteht darin, dass es Individuen gibt, die sich von anderen Individuen unterscheiden – auch wenn sie derselben Gruppe angehören. Dabei dürfen wir die Kraft von Gruppenprozessen nicht unterschätzen. In der Meditationsgruppe gehörten Sanftheit und Verständnis beispielsweise ebenfalls zum Gruppencode.

Schlussfolgerungen werden häufig zu schnell gezogen, statt zuerst zu fragen: „Wie meinen Sie das?“ oder das bewusste Denken ein zu schalten und zu fragen: „Ist das wirklich so?“ Und die beste Antwort lautet häufig: „Ich weiß es nicht.“ Aber das ist nicht die Antwort, die die Medien hören wollen. Sie passt auch nicht zu unserem Bedürfnis nach einem klaren Bild von allem, was uns umgibt. Und auch aus meinem eigenen Mund höre ich diesen Satz nicht besonders gerne.

Wunschvorstellungen statt Wirklichkeit

Wir alle haben Vorstellungen von Dingen, die wir gerne besitzen möchten – sowohl von materiellen als auch von immateriellen Dingen. Von dem, was wir noch nicht haben, machen wir uns ein Bild, und gute Dinge, die wir bereits besitzen, möchten wir nicht verlieren. Und wir glauben, glücklich zu werden, wenn diese Wünsche erfüllt werden.

Es gibt einige Gründe, warum das nicht funktionieren wird:

  • „Hat man es erst, ist der Reiz vorbei“,sagen wir oft in Holland. Nach zwei Wochen mit dem neuen Audi ist der Fahrer längst wieder damit beschäftigt, über gestern nachzudenken und über das was er oder sie später tun wird. Und dann stellt sich vielleicht auch noch heraus, dass das Auto im Unterhalt teurer ist als erwartet.
  • Es kann die Angst entstehen, das Erreichte wieder zu verlieren.
  • Bis die Wunschvorstellung verwirklicht ist, gibt es bereits neue Wünsche, die die Aufmerksamkeit von dem gerade Erreichten schnell wieder abziehen.

Jede Lebensphase kennt unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. Kinder sagen oft: „Wenn ich einmal groß bin …“ Danach kommen zunächst Feiern, ein Auslands- oder Zwischenjahr, das Studium abschließen, eine Karriere, eine Familie und schließlich der Weg in eine lange und gesunde letzte Lebensphase.

Der Gedanke, dass irgend etwas in der Zukunft uns glücklich machen wird, die Sorge, dies zu verwirklichen, und die Angst, das zu verlieren, was wir jetzt besitzen, stehen häufig dem Erleben – und damit auch dem Genießen – dessen im Weg, was jetzt da ist. Wir opfern unser gegenwärtiges Glück für etwas in der Zukunft und damit für eine Illusion.

Menschen, die sich mit diesem Zukunftsbild beschäftigen oder mit der Angst, das zu verlieren, was sie haben – ich würde beinahe sagen: Wer tut das nicht? –, sind in diesen Momenten gedanklich nicht bei dem, was sie gerade tun.

Es wurde untersucht, dass Menschen weniger glücklich sind, wenn ihre Gedanken nicht bei dem sind, was sie gerade tun, als wenn ihre Aufmerksamkeit tatsächlich auf diesen Moment gerichtet ist.

Und die Wirklichkeit befindet sich sowieso nicht in unserem Kopf.

Mit dieser Feststellung schließe ich zwei Blogs über die erste Aufgabe ab, die sich aus der Lehre Buddhas ergibt: „In der Wirklichkeit leben.“

In den nächsten vier Blogs geht es um die anderen Aufgaben:

  • Sei dir bewusst, dass alles vergänglich ist.
  • Halte nicht fest.
  • Lebe mit Mitgefühl.
  • Beherrsche deinen Geist.

Ich möchte jetzt schon darauf hinweisen, dass die letzte Aufgabe eigentlich die erste ist, die man in die Praxis umsetzen muss. Denn ohne Kontrolle über den Geist lassen sich die anderen vier Aufgaben nicht verwirklichen.

FOTO

Dam mit Palast und Denkmal: Standbild einer Webcam
SkylineWebcams


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