ÜBER SCHAM, SCHULD UND REUE

Die letzten sechs Blogs handelten alle von Emotionen. Heute geht es um Gefühle, die die Menschheit schon seit sehr langer Zeit kennt. Scham und Schuld gab es laut der Bibel bereits bei den ersten Menschen. Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatten, bemerkten sie, dass sie nackt waren. Voll Scham und Schuldbewusstsein mussten sie das Paradies verlassen und hinterließen der aus ihrer Gemeinschaft hervorgegangenen Menschheit die Erbsünde – eine Schuld, die durch die Taufe zwar gemildert, aber laut der Bibel nicht vollständig ausgelöscht werden konnte.

Meine große Schuld

Ich war wohl etwa zehn Jahre alt, als wir in der Schule das sogenannte Reuegebet auswendig lernen mussten:

> Barmherziger Gott,

> es tut mir leid, dass ich gesündigt habe,

> weil ich Deine Strafen verdient habe;

> vor allem aber deshalb,

> weil ich Dich,

> meinen größten Wohltäter und das höchste Gut,

> beleidigt habe.

> Ich verabscheue alle meine Sünden

> und verspreche,

> mit Hilfe Deiner Gnade

> mein Leben zu bessern

> und nicht mehr zu sündigen.

> Herr, sei mir Sünder gnädig.

> Amen.

Dieses Gebet mussten wir lernen, bevor wir in der Römisch-Katholischen Kirche.zur Erstkommunion zugelassen wurden. Mit der Erstkommunion gehörte man wirklich dazu. Ein Kommunionkind sollte natürlich eine reine Seele haben, und dafür gab es die Beichte: Man konnte seine Sünden loswerden und mit einer weißen Weste neu anfangen.

Das war allerdings gar nicht so einfach. Als Acht- oder Zehnjähriger wusste ich oft gar nicht, was ich eigentlich falsch gemacht haben sollte. Soweit ich mich erinnere, habe ich damals einfach etwas erfunden, etwa: „Ich habe heimlich Zucker aus der Zuckerdose genascht.“

Ein paar Jahre später wurde ich mir meiner pubertären, tastenden Unkeuschheiten in Gedanken und Taten bewusst. Zu diesem Zeitpunkt waren regelmäßige Kirchenbesuche und Beichten jedoch bereits Vergangenheit. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass einige Schuldgefühle aus jener Zeit hängen geblieben sind.

Schuldgefühle

Wenn ich nachts an einer verlassenen Kreuzung bei Rot über die Ampel fahre, weil weit und breit kein Verkehr zu sehen ist, und später aufgrund von Kameraaufnahmen doch einen Bußgeldbescheid erhalte, dann ist das natürlich meine eigene Schuld. Das muss aber keineswegs besondere Gefühle auslösen. Man könnte auch einfach sagen: selbst schuld, Pech gehabt.

Von Schuldgefühlen spricht man dann, wenn jemand etwas getan oder unterlassen hat, das anderen geschadet hat und zugleich den eigenen moralischen Maßstäben widerspricht. Man erkennt im Nachhinein, dass etwas nicht hätte geschehen sollen. Solche Gefühle können rasch wieder verschwinden – etwa wenn der Betroffene sagt, dass es nicht so schlimm war, oder wenn der Geschädigte der Sache keine Bedeutung mehr beimisst.

Der englische Philosoph Alan Watts ging sogar so weit zu sagen, dass sich niemand jemals schuldig fühlen sollte. Schuldgefühle seien letztlich nichts anderes als das Lecken der eigenen Ego-Wunden. Fehler zu machen gehöre zum Menschsein. Wer lernen wolle, mache zwangsläufig Fehler. Die Lösung bestehe darin, weiterzuüben und dieselben Fehler künftig seltener oder gar nicht mehr zu machen. Das klingt allerdings einfacher, als es ist.

Manche Menschen tragen Schuldgefühle ihr Leben lang mit sich herum. Besonders bekannt ist dies bei Menschen, die extreme Situationen überlebt haben, während viele andere starben – etwa Überlebende der Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs. Fur sie kann die Frage warum gerade sie überlebt haben und andere nicht, zur Quelle eines quälenden Schuldgefühls werden, das als „Survivor’s Guilt“ bezeichnet wird. Häufig ist es eines von mehreren Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Scham

Bei Scham geht es nicht in erster Linie um die Bewertung des eigenen Verhaltens nach den eigenen Maßstäben. Entscheidend ist vielmehr die Befürchtung, von anderen negativ beurteilt zu werden.

Wöchentlich, heute fast täglich, sieht man im Fernsehen Fußballspieler, die eine große Torchance vergeben haben oder denen der Ball durch die Beine rutscht. Sie schlagen die Hände vors Gesicht oder werfen sich zu Boden, als wollten sie darin versinken.

Ähnliches habe ich als Kind erlebt. In einem Chor sollte ich einmal ein kurzes Solo pfeifen. Doch zwischen meinen Lippen kam kein einziger Ton hervor. Zunächst schoss mir das Blut in den Kopf, dann offenbar in andere Körperregionen – und ich fiel in Ohnmacht. Genau das war, wenn auch unbewusst, der gewünschte Effekt: Ich konnte buchstäblich im Boden versinken.

Auch heute gibt es – nicht zuletzt in den sozialen Medien – eine kaum überschaubare Anzahl sozialer Regeln und Erwartungen. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß. Wer einen Fehler begeht, riskiert soziale Ausgrenzung. Indem man rot wird oder sich die Hände vors Gesicht schlägt, signalisiert man: „Ich habe verstanden, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Das kann soziale Vorteile bringen.

In den sozialen Medien fehlt diese Form der Kommunikation weitgehend. Dort sieht niemand, wie man errötet oder verlegen zu Boden blickt. Wahrscheinlich möchte man gerade verhindern, dass andere solche Reaktionen sehen.  Ich finde das eine Beispiel von der Verarmung in der digitalen Welt.

Reue

Man kann seine Sünden bereuen, weil man göttliche Strafen fürchtet.

Man kann aber auch bereuen, dass man im Jahr 2010 – nur zum Spaß – 100 Bitcoins für 30 Euro gekauft und sie ein Jahr später mit einem Gewinn von 1.000 Prozent für 330 Euro wieder verkauft hat, obwohl sie am 24. Juni 2026 rund 5,7 Millionen Euro wert gewesen wären.

Reue begleitet all jene Situationen, in denen man rückblickend denkt: Hätte ich doch statt A lieber B getan. Oder umgekehrt etwas unterlassen.

Der Fall Tom Waes

Der belgische Fernsehmoderator und Schauspieler Tom Waes, den ich einige Male in seinen unterhaltsamen, wenn auch etwas altmodischen und oberflächlichen Reisedokumentationen gesehen habe, stieg nach einigen Getränken in seinen Porsche. Auf dem Antwerpener Ring, auf dem man ohnehin oft im Stau steht, kam auch er zum Stillstand – allerdings auf eine Weise, die seinen Porsche zum Totalschaden machte und ihn selbst auf die Intensivstation brachte.

Bereits am nächsten Tag erklärte er, dass er Alkohol getrunken und sich anschließend ans Steuer gesetzt habe:

„Unbegreiflich. Das hätte ich niemals tun dürfen. Es ist ein großer Fehler, und ich fühle mich schrecklich deswegen. Ich möchte mich bei allen entschuldigen. Es tut mir unendlich leid.“

Dass es ihm leidtut, steht außer Frage. Sein schöner Porsche war zerstört, sein Ruf beschädigt, und außerdem hatte er die Vorbildfunktion verletzt, die sein Arbeitgeber von ihm erwartete.

Ach ja – bei dem Unfall wurde auch ein Straßenarbeiter verletzt. Darüber hörte ich ihn allerdings kaum sprechen.

Und war sein Verhalten wirklich „unbegreiflich“? War er bis dahin tatsächlich niemals alkoholisiert Auto gefahren?

Scham wird er sicherlich empfunden haben. Ob jedoch echtes Schuldbewusstsein vorhanden war, lässt sich von außen nicht erkennen.

Genau das macht Gerichtsverfahren für mich so schwierig. Richter können bei der Strafzumessung berücksichtigen, ob jemand Reue zeigt oder Schuld empfindet. Da frage ich mich manchmal, ob Menschen, die besonders gut schauspielern können, nicht im Vorteil sind.

Tom Waes ist schließlich auch Schauspieler.

Vielleicht hilft ihm das.

Zu Unrecht.

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1. Alan Watts über Schuldgefühle: [https://youtu.be/mATo7zh3KYY](https://youtu.be/mATo7zh3KYY)

Foto: pexels-mart-production-7219828

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