
ÜBER DIE KRAFT DES FÜHLENS
Meine Partnerin und ich haben uns in einem alternativen Umfeld der Persönlichkeitsentwicklung kennengelernt. Wenn wir dort jemanden längere Zeit nicht gesehen hatten und uns beim Wiedersehen erkundigten, wie es ihm oder ihr gehe, lautete die Antwort oft: „Es passiert viel – aber es fühlt sich gut an.“
Für mich war das gewissermaßen die erste Begegnung mit meinem Gefühlsleben. Eine Begegnung, die bis heute andauert – auch auf dieser Reise. Lange Zeit konnte ich mit meinen Emotionen wenig anfangen; ich hatte eher das Gefühl, dass sie im Weg standen. Damit war ich vermutlich nicht allein. Nicht umsonst gab die Psychologin Marja Postma ihrem Buch über Emotionen den Titel: „Emotionen – was soll ich damit anfangen?“ *)
Inzwischen ist mir vieles klarer geworden. Zum Beispiel, dass Emotionen zunächst einmal körperliche Reaktionen auf eine bestimmte Situation sind. Etwa wenn einem während eines gemütlichen Spaziergangs plötzlich ein bedrohlich wirkender Mann mit einem ebenso bedrohlich wirkenden Hund entgegenkommt.
Zugleich wissen wir heute, dass Emotionen überall auf der Welt vorkommen und sich oft unmittelbar im Gesicht ablesen lassen. Paul Ekman **) zeigte Menschen in vielen Ländern Fotografien von Gesichtern und bat sie zu beurteilen, ob die jeweilige Mimik Ärger, Ekel, Angst, Freude, Trauer oder Überraschung ausdrückte. In vielen Fällen gelang dies erstaunlich gut, auch wenn die Trefferquote durchaus von der jeweiligen Kultur beeinflusst wurde.
Die weltweit verwendeten Smileys und Emoticons verdeutlichen die wesentlichen Gesichtsausdrücke der Emotionen noch unmittelbarer. Dennoch ist es der Wissenschaft bislang nicht gelungen, für die sechs Basisemotionen eindeutige neurologische Unterschiede nachzuweisen.
Nützliche körperliche Reaktionen
Nicht nur das Gesicht verändert sich bei unterschiedlichen Emotionen. Bei Wut strömt beispielsweise mehr Blut in die Hände. Dadurch fällt es leichter, eine Waffe zu ergreifen oder einen Gegner anzugreifen. Gleichzeitig steigt die Herzfrequenz, und Hormone wie Adrenalin sorgen für einen Energieschub, der entschlossenes Handeln ermöglicht.
Bei Angst hingegen wird das Blut in die großen Skelettmuskeln, insbesondere in die Beine, umgeleitet. Das erleichtert die Flucht. Gleichzeitig verharrt der Körper oft für einen kurzen Moment regungslos – möglicherweise, um Zeit zu gewinnen und zu prüfen, ob Verstecken oder Weglaufen die bessere Reaktion ist.
Und alles hat seinen Sinn: Das Hochziehen der Augenbrauen bei Überraschung erweitert unser Sichtfeld und lässt mehr Licht auf die Netzhaut fallen. Dadurch erhalten wir zusätzliche Informationen über das unerwartete Ereignis und können schneller einschätzen, was geschieht und wie wir am besten reagieren.
Schon Darwin beschrieb, dass der Gesichtsausdruck des Ekels vermutlich daraus entstanden ist, die Nasenlöcher zu verschließen und sich so vor schädlichen Stoffen zu schützen.
Identifikation
Interessant finde ich, wie wir über Emotionen sprechen. Wir können Dinge sehen, hören oder mit unseren Händen ertasten – wir nehmen sie wahr. Es gibt also einen Beobachter auf der einen Seite und etwas Beobachtetes auf der anderen.
Wenn es jedoch um die genannten Emotionen geht, sagen wir: „Ich bin wütend“,„Ich bin traurig“. Zwischen der Emotion und uns selbst besteht also eine unmittelbare Identifikation. Die Emotion wird zu einem Teil unseres Selbstbildes. Diese Identifikation spielt eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit emotionaler Intelligenz; darauf werde ich später noch zurückkommen.
Theoretisch geht eine Emotion auch wieder schnell weg. Der Körper hat sich auf eine unerwartete Situation vorbereitet und kann nun handeln – oder feststellen, dass Handeln gar nicht notwendig ist.
Doch wir wissen, dass es oft anders kommt. Bedrohungen können dauerhaft werden, Erinnerungen können sich festsetzen, Situationen gemieden und Trauer tief vergraben werden. Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass gerade das Nicht-Fühlen-Wollen oder Nicht-Fühlen-Können in solchen Situationen langfristig schwerwiegende Folgen haben kann. Darin liegt die zerstörerische Kraft des Verdrängens. Wer nicht fühlen will, verleugnet einen Teil von sich selbst – einen Teil seiner Identität.
Ein Leben voller Empfindungen
Emotionen und körperliche Empfindungen liegen eng beieinander. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte eines Lebens. Zum Beispiel:
- Ich spüre die warme Berührung meiner Mutter.
- Ich spüre alles, was ich in die Hände nehme.
- Ich spüre, dass ich in die Hose gemacht habe.
- Ich spüre die Schläge eines Mitschülers.
- Ich spüre das eiserne Geländer unter meinen Händen, wenn ich die 26 Stufen vor dem Haus Bilderdijkstraat 46 in Amsterdam hinuntergleite (zählen Sie ruhig nach).
- Ich spüre, wie meine Füße auf dem Boden aufkommen, wenn ich von der siebten Stufe auf die Straße springe.
- Ich spüre das Stechen des Heus in einem Heuschober.
- Ich spüre den Einstich und anschließend die merkwürdige Wirkung der Betäubung beim Zahnarzt.
- Ich fühle mich unbeholfen beim Fußballspielen auf dem Schulhof.
- Ich fühle mich von den Gruppen in der Klasse ausgeschlossen.
- Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt, wenn ich etwas falsch gemacht habe.
- Ich spüre, wie das Blut wieder aus dem Kopf weicht.
- Ich spüre, wie mir schwindelig wird.
- Ich fühle Stolz, wenn andere über einen meiner Witze lachen.
- Ich habe das ängstliche Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
- Ich spüre lustvolle sexuelle Berührungen.
- Ich spüre die Sonne auf meinem Kopf.
- Ich spüre, wie weich die Katze ist, wenn ich sie streichle.
- Ich fühle mich stark, wenn ich selbst bei schlechtestem Wetter joggen gehe.
- Ich fühle mich gefangen in meinem eigenen Kopf.
- Ich fühle mich angenehm gelöst nach dem zweiten Glas.
- Ich spüre Ungeduld, wenn das zweite Glas nicht schnell genug auf das erste folgt.
- Ich spüre eine Sehnsucht – ohne genau zu wissen, wonach.
- Noch Monate nach der Scheidung spüre ich Schmerzen im Bauch.
- Ich spüre die Stirn meiner Geliebten an meiner Stirn und habe das Gefühl, ewig so stehen bleiben zu können.
- Ich spüre das warme Meerwasser um mich herum in einer wunderschönen Bucht auf Mallorca.
- Ich fühle mich klein, obwohl ich der Chef bin.
- Ich fühle mich mächtig, wenn bei der Arbeit alles wie am Schnürchen läuft.
- Ich spüre Wut, wenn mir niemand zuhört.
- Ich fühle mich machtlos, wenn ich keine Wunder bewirken kann.
- Ich spüre Erleichterung, wenn ich nicht länger den Chef spielen muss.
- Ich spüre Hingabe an die Liebe.
- Ich bin tief berührt.
- Ich fühle Frieden.
Durch so eine Übersicht von fühlen und spüren lernt man einen Menschen auf ganz andere Weise kennen als durch ein tabellarischen Lebenslauf.
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*) Marja Postma: Emotionen – was soll ich damit anfangen? Sich selbst und andere besser verstehen. 2012.
**) Paul Ekman: Emotions Revealed. 2007.
Illustration: Johan Leo Koet
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