Wir schauen auf unterschiedliche Weise: im Autopilot oder ganz bewusst und gezielt. Wir können eine vollere Wahrnehmung erreichen wenn wir Orte und Situationen aufsuchen, die uns aus unseren täglichen Routinen und ungefragten Gedankenströmen herausführen – und das tut auch unserem Gehirn und unserer Stimmung gut.

Als meine Partnerin und ich vor einigen Jahren mit unserem Pferd Lucky im Wald spazieren gingen, blieb sie eines Tages plötzlich stehen und blickte aufmerksam auf eine Stelle etwa zwanzig Meter rechts von ihr. Nach ein paar Sekunden erkannten wir, was sie entdeckt hatte: Eine rote Plastiktüte lag im Gras und bewegte sich leicht im Wind. Zuvor war sie einfach weitergelaufen, scheinbar ohne auf irgendetwas zu achten. Sie kannte den Weg, war an vorbeifahrende Fahrräder und Autos gewöhnt und blickte normalerweise weder nach links noch nach rechts.

Alles, was bis dahin über ihre Augen zu ihr gelangte, war vertraut und ungefährlich. Unablässig prüfte sie, ob das, was sie wahrnahm, in ihr bereits bekanntes Bild passte. Und plötzlich sah sie etwas, das nicht dazugehörte – und das musste sie genauer untersuchen. Erst als ihr klar wurde, dass die rote Plastiktüte keine Gefahr darstellte, ging Lucky weiter.

So funktioniert es auch beim Menschen: Wir nehmen oft vor allem das wahr, was von unseren Erwartungen abweicht. Zum Glück arbeiten bei uns beiden Gehirnhälften zusammen, was bei Pferden nicht so ist. Denn auf dem Rückweg blieb Lucky erneut abrupt stehen – diesmal, weil sie links von sich etwas sah. Es war dieselbe Tüte. Doch dass sie diese eine halbe Stunde zuvor bereits als harmlos eingeordnet hatte, „wusste“ die andere Gehirnhälfte offenbar nicht.

Zielgerichtet

Oft schauen wir nicht im „Stand-by-Modus“, sondern richten unseren Blick auf das, was in dem Moment für uns relevant ist. Denken wir an ein Fußballstadion: Dort zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen schauen können. Die echten Fußballliebhaber verfolgen vor allem den Spielverlauf, die Positionen, die Taktik und die Technik. Fans konzentrieren sich auf ihre eigene Mannschaft und versuchen mit ihren Blicken förmlich, den Ball ins gegnerische Tor zu tragen. Schiedsrichter, Trainer, Platzwart und Fotograf – sie alle achten auf etwas anderes. Und die Eltern eines debutierenden Stürmers sehen natürlich vor allem die Aktionen ihres eigenen Kindes und behalten dabei auch den robusten Verteidiger der gegnerischen Mannschaft im Auge, der ihren Sohn schon nach wenigen Minuten beinahe zu Boden gebracht hätte.

In neuen oder unerwarteten Situationen sind wir besonders wachsam. Unbewusst achten wir meist auf zwei Dinge: Gibt es etwas zu befürchten – oder gibt es etwas zu gewinnen? Wir sind erstaunlich gut darin, unsere Umgebung in kürzester Zeit darauf zu scannen. Achten Sie einmal darauf, wie Sie einen Raum betreten – etwa bei einem Besuch oder in einem Besprechungsraum. In weniger als einer Sekunde nehmen Sie wahr, wer anwesend ist, ob jemand darunter ist, dem Sie lieber aus dem Weg gehen, oder ob Sie sich freuen, weil Sie eine bestimmte Person sehen. Auf einem Markt lassen wir den Blick über das Angebot schweifen. Wer alleinstehend ist, achtet oft zuerst darauf, ob ein potenzieller Partner oder eine potenzielle Partnerin anwesend ist. Unsere Aufmerksamkeit – unser Blick – richtet sich auf das, was für uns persönlich von Bedeutung ist.

Wenn unsere Aufmerksamkeit im „Stand-by“ ist, folgt sie meist den Assoziationen, die sich aus dem Wahrgenommenen ergeben – oder schweift sogar zu ganz anderen Gedanken ab. Doch wir können auch den Entschluss fassen um bewuster wahr zu nehmen. Rob Walker hat ein Buch über die Kunst der Wahrnehmung geschrieben und darin 131 mögliche Experimente beschrieben. Man kann sich zum Beispiel vornehmen, bei einem Spaziergang nur auf Farben zu achten oder zu zählen, wie viele Überwachungskameras es gibt – einfach, um aus der Stand-by Situation auszubrechen. Allein über verschiedene Arten des Sehens enthält sein Buch rund sechzig Seiten voller Ideen.

Früher, in meiner Kindheit, war der Sonntagnachmittag immer Spazierzeit. Einmal gingen mein Vater, mein Bruder und ich durch Amsterdam und ließen an jeder Straßenecke das Los entscheiden, ob wir nach links, rechts oder geradeaus gehen sollten. So gelangten wir in Straßen und Viertel, die wir sonst nie entdeckt hätten.

Ein anderes Mal ließ ich mich auf einer nächtlichen Rückfahrt in Saint-Flour in Frankreich von der Position des Sekundenzeigers leiten welche Weg ich nehmen würde. Als ich auf meinen Uhr schaute stand der Sekundenzeiger zwischen 0 und 30, als ich ging nach Rechtshin für mich unbekannte Strecke.  Im Nachhinein war das keine gute Idee: unzählige Kurven, ein fast leerer Tank, verlassene Dörfer und ein Gewitter. Es muss eine wunderschöne Landschaft gewesen sein – gesehen haben wir allerdings nichts. Bewusster schauen gelernt habe ich dadurch nicht, aber sehr müde bin ich geworden.

Fragen

Anfang dieses Jahres musste ich mehrmals pro Woche zu einem bestimmten Ort in der Stadt und bin jedes Mal einen anderen Weg gegangen. Irgendwann begann ich, bewusst in die Häuser zu schauen. Dabei stellte ich fest, dass in einer Straße von 86 Häusern nur in sieben die Esstische direkt am Fenster standen; in den übrigen befanden sie sich weiter hinten im Raum. Ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegen könnte – vielleicht an der Nähe zur Küche? Außerdem entdeckte ich drei Kochinseln, und an jeder stand eine Frau bei der Arbeit. Auch das warf wieder neue Fragen auf.

Der niederländische Neuropsychologe Scherder wäre vermutlich zufrieden gewesen: in Bewegung bleiben und zugleich der menschlichen Neugier Raum geben – das nährt den Geist und fördert seine Gesundheit.

In ein paar Wochen mehr zum Thema Sehen – zum Beispiel über das Sehen als Quelle visuellen Genusses.

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*) Die Kunst des Beobachtens: 131 kleine Übungen, um die Welt mit neuen Augen zu sehen. 2019.

Illustration: Johan Leo Koet

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Frühere Beiträge finden Sie unter:
www.dewereldenvanjan.blog

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