
ÜBER DIE ASSOZIATIONEN IN UNSEREM KOPF
Unser Gedächtnis ist eine große Sammlung von Eindrücken, Fakten, Gedanken und Gefühlen, die zusammen unser Bild von der Welt formen – von der Vergangenheit und der Gegenwart, aber auch von dem, was noch kommt. Diese Eindrücke, Fakten, Gedanken und Gefühle sind miteinander verbunden; nur so entsteht dieses Gesamtbild.
Ein Haus mit Schmetterlingsstrauch
Wenn ich an ein Haus denke – was ein Haus ist, wusste ich schon sehr früh: Es hatte eine Haustür, daneben ein Fenster, ein schräges Dach und aus dem Schornstein stieg Rauch auf; später begriff ich, dass Häuser auch ganz anders aussehen können – dann könnte mir zum Beispiel jenes kleine alte Haus in den Sinn kommen, in dem ich 1975 lebte.
Sofort denke ich dann an die Person, mit der ich dort wohnte, meine erste Ehefrau, und an unsere Beziehung. Mir fällt die niedrige Küchentür ein, an der ich mir jeden Tag den Kopf stieß, der Streit mit dem grimmigen Nachbarn und mit dem Kneipenwirt um die Ecke. Ich denke an meine älteste Tochter, die damals geboren wurde, und an den sonnigen Garten mit dem Schmetterlingsstrauch.
Und daran, wie meine damals einjährige Tochter im Garten auf dem Töpfchen saß, einen Schmetterling aus der Luft griff und ihn in den Mund steckte.
All diese Verbindungen tauchen ganz von selbst in einem Bruchteil einer Sekunde auf. Das Gehirn verknüpft das eine mit dem anderen – in einem unbewussten Prozess – und präsentiert uns in verständlichen Bildern das, was es für die wichtigsten Ergebnisse dieses Prozesses hält.
Doch das ist noch nicht alles. Denn gegenüber befand sich ein Spirituosengeschäft mit angeschlossenem Pfannkuchenhaus. Und schon springen die Gedanken zu einem anderen Pfannkuchenhaus: Panneland in den Dünen. Dort war ich vor zwanzig Jahren bei einem Betriebsausflug. Und genau diese Kollegen sehe ich in zwei Wochen wieder. Ich muss ihnen noch eine Erinnerung für das Treffen schicken. Aber eigentlich muss ich auch noch einen kleinen Bericht für den Chor schreiben. Doch zuerst muss dieser Blog fertig werden.
Und so geht das immer weiter.
Der Assoziationszug
Dieser dahinplätschernde Denkprozess, der uns ständig neue Gedanken und Erinnerungen präsentiert, ist bei jedem Menschen vorhanden. Unterbrochen wird er erst, wenn wir etwas tun müssen – Denkarbeit oder eine andere Tätigkeit –, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordert.
Wenn man zum Beispiel ausrechnen möchte, wie viel 70× 46 ist, gelingt das den meisten Menschen nicht ohne einen Moment konzentrierter Aufmerksamkeit. In diesem Moment ist im Kopf kein Platz für andere Dinge.
Bis dahin befindet man sich jedoch in dem, was ich – nicht als Einziger – den Assoziationszug nenne, der scheinbar ziellos weiterrollt. Themen, die bei mir darin häufig vorbeikommen, sind zum Beispiel die Gespräche von gestern, etwas, das vor fünf Jahren schiefgelaufen ist, all die Dinge, die im Haus oder für den Chor noch erledigt werden müssen, was ich einem Freund noch sagen wollte, warum das Geld schon wieder knapp ist oder weshalb mein Schrittzähler heute so wenig anzeigt.
Der Assoziationszug ist kostenlos. Einsteigen geschieht, ohne dass man es merkt. Aussteigen dagegen ist oft schwierig – ein bisschen wie im Hotel California. Man dreht sich im Kreis und kommt immer wieder auf den selben Punkt zurück.
Lieber faul als erschöpft
Assoziatives Denken ist mühelos, schnell und kann eine enorme Menge an Signalen zu für uns verständlicher Information verarbeiten. Die meisten Berichte, die man liest oder hört, verlangen deshalb keine bewusste Denkarbeit.
Wenn man jedoch hört, dass morgen keine Züge fahren, denkt man kurz darüber nach, was man eigentlich für morgen geplant hatte und ob man seine Pläne ändern muss. Das erfordert eine bewusste Denkhandlung. Den Rest der Nachrichten bekommt man in diesem Moment gar nicht mehr mit.
Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman hat darüber bereits vor einiger Zeit ein Buch geschrieben*), in dem er das assoziative Denken „System-1-Denken“ nennt. Das eigentliche Nachdenken, für das man sich sprichwörtlich erst einmal hinsetzen muss, nennt er „System-2-Denken“.
Das Buch erschien 2011 und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke, die Psychologiestudenten unbedingt gelesen haben sollten. Der Grund dafür ist vor allem, dass das System-1-Denken zwar schnell ist, aber auch oberflächlich und oft zu falschen Schlüssen führt – zu Aussagen also, über die man eigentlich erst einmal bewusst hätte nachdenken sollen. Dass wir das selten bemerken, liegt daran, dass System-2-Denken Anstrengung kostet – und wir Menschen nun einmal lieber faul als erschöpft sind.
Das Buch fasst die Ergebnisse von Hunderten Studien zusammen. In einem nächsten Blog erzähle ich gern noch ein paar interessante und unterhaltsame Beispiele daraus.
Die Gedanken von Georgina
Zum Abschluss für heute noch ein Ausschnitt aus einer Kolumne von Georgina Verbaan **). Sie beschreibt auf ihre eigene Weise Erlebnisse aus diesem Assoziationszug.
„Vor etwa fünf Jahren sah ich einen alten Mann an der Straßenbahnhaltestelle stehen. Oder besser gesagt: Eigentlich war mir noch gar nicht bewusst, dass ich diesen alten Mann ansah. Meine Augen standen vermutlich im Stand-by-Modus – eingeschaltet nur, um herannahendes Unheil zu registrieren: wilde Tiere, Menschen mit mangelnder Selbstbeherrschung (also im Grunde ebenfalls wilde Tiere), außer Kontrolle geratene Fahrzeuge oder Naturkatastrophen.
Währenddessen drehte mein Gehirn seine gewohnten Kreise, ohne dass ich – wer auch immer dieses ‚Ich‘ sein mag – etwas davon bemerkte.
Herrlich ist das. Einfach kurz ein halb abgeschaltetes System sein, das ein wenig durch seine Dateien blättert und im Kühlmodus noch etwas zusätzlichen Sauerstoff durch längst vollständig oxidierte Gedanken bläst.
Ärgerlich wird es nur dann, wenn das Bewusstsein nicht richtig ausgeschaltet ist und man hören kann, welche dummen, unangenehmen oder völlig zufälligen Gedankenreihen dort heruntergeleiert werden. Oder wenn das Gehirn sehr genau Buch darüber führt, was man alles noch erledigen muss – während man selbst das gerade so angenehm vergessen hatte.
Von außen wirkt ein halb abgeschalteter, denkender Mensch geheimnisvoll und tiefsinnig. In Wirklichkeit sucht so ein System oft nur nach dem Ort, an dem zuletzt die blaue Socke mit dem Loch im Zeh gesehen wurde (HINTER DEM STAPEL WARTENDER BÜCHER NEBEN DEM BETT!), oder es sucht wie ein Roboter mit nur einer Aufgabe nach neuen Haken, an denen sich alte Sorgen wieder aufhängen lassen.“
*) Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow (2011). In deutscher Übersetzung: Schnelles Denken, langsames Denken.
**) „Das System“ – Kolumne von Georgina Verbaan in der Volkskrant, 9. August 2019.
Foto: Johan Leo Koet
Frühere Beiträge finden Sie unter:
www.dewereldenvanjan.blog
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