Eine Reise durch die Welten des Wahrnehmens, der Gefühle und der Gedanken von Jan. Und von vielen Anderen. Mit Erlebnissen, Beobachtungen, wissenschaftlichen Erkentnissen und Selbstverständlichkeiten.
Heute geht es um die Gruppen, zu denen ein Mensch gehören kann – um die Menschen also, die mit „wir“ gemeint sind. Wenn ich von unserem letzten Urlaub spreche und sage: „Wir waren in der Normandie im Urlaub“, dann meine ich meine Partnerin, meine beiden jüngsten Kinder und mich selbst. Wenn ich sage: „Wir machen das lieber im Stehen“, dann spreche ich – beispielsweise – über etwa die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich über Männer einschließlich meiner selbst, und über die Körperhaltung beim Urinieren. Nur als Beispiel natürlich, unabhängig davon, ob diese Aussage überhaupt stimmt und ob diese Vorliebe auch praktisch umgesetzt werden sollte.
Jedem „Wir“ stehen alle Menschen gegenüber, die nicht dazugehören, und diese teilen wir gerne in eigene Gruppen ein: Menschen aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten, Menschen mit unterschiedlichem religiösem oder weltanschaulichem Hintergrund, mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Altersgruppen und so weiter.
Gegenüber – oder vielleicht besser: neben – jedem „Wir“ gibt es mindestens ein „Sie“. Und jedes dieser „Sie“ bekommt ein Etikett aufgeklebt – eine Folge jenes Kategorisierens, mit dem wir unsere Umwelt überschaubar und handhabbar machen.
Vor und nach der Weihnachtsnacht
In seinem “Buch Im Grunde gut” zeigt Rutger Bregman 1), dass Kinder dieses Etikettieren der „anderen“ bereits in sehr jungem Alter praktizieren. In einer Schulklasse wurden den Kindern zufällig blaue oder rote T-Shirts gegeben, und es dauerte nicht lange, bis die „Blauen“ eine Meinung über die „Roten“ entwickelt hatten – und umgekehrt.
Bregman nennt allerdings auch eindrucksvolle Beispiele dafür, wie solche Bilder über „die anderen“ plötzlich verschwinden können. Etwa in der Weihnachtsnacht des Jahres 1914: Deutsche und französische Soldaten stiegen aus ihren Schützengräben und sangen zwischen den Frontlinien gemeinsam Weihnachtslieder. Für viele war es vermutlich das erste Mal, dass sie dem „Feind“ direkt in die Augen blickten. Und das Bild vom anderen hatte sich für immer verändert.
Später kämpften sie wieder gegeneinander – aber nicht, weil die Männer auf der anderen Seite plötzlich wieder Feinde geworden waren, sondern weil sie ihre Kameraden nicht im Stich lassen wollten, oderauch nicht desertieren dürften.
Bilder und Etiketten
Ich selbst bin in einem weißen, katholischen Umfeld aufgewachsen. Geschichten darüber, dass katholische und protestantische Schüler sich prügelten, habe ich zwar gehört, selbst erlebt habe ich das jedoch nie. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich als einzigen nicht-weißen Mitschüler an einen Jungen mit – wie ich damals dachte – japanischem Namen. Erst vor Kurzem erfuhr ich, dass er der Sohn eines balinesischen Prinzen war.
Vielleicht gerade wegen dieses einseitigen Umfelds bin auch ich – trotz meiner deutlichen Ablehnung von Diskriminierung – nicht darum herumgekommen, mir Bilder und Etiketten über bestimmte Gruppen von Menschen zu bilden und diese dann einzelnen Personen zuzuschreiben.
Meine Erfahrung ist ebenfalls, dass persönliche Begegnungen mit Menschen aus solchen „anderen“ Gruppen sehr hilfreich dabei sind, starre Vorstellungen über diese Gruppen loszulassen.
Auf YouTube findet man heute zahlreiche Videos über „die Niederländer“ – insbesondere darüber, dass sie angeblich so direkt seien. Das mag im Durchschnitt vielleicht häufiger zutreffen als etwa bei Japanern, aber selbstverständlich gilt das nicht für jeden einzelnen Niederländer.
Venus und Mars
Eine ganz besondere Gruppeneinteilung – vor allem deshalb, weil die Mitglieder beider Gruppen oft geradezu bemüht sind, mit jemandem aus der anderen Gruppe zusammen zu sein – ist die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen.
In dem Buch “Männer sind anders. Frauen auch” von John Gray 2), das sich allein in den Niederlanden 450.000-mal verkauft hat, werden biologische Argumente angeführt, um Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen zu erklären. Inzwischen ist jedoch die vorherrschende wissenschaftliche Auffassung, dass die meisten Unterschiede in Verhalten und Vorlieben durch Sozialisation entstehen und kein eindeutiges biologisches Fundament haben.
Währenddessen setzt sich die Emanzipation der Frauen weiter fort 3), und die Männer versuchen, einigermaßen mitzuhalten. Kaum vorstellbar, dass Frauen im öffentlichen Dienst in den Niederlanden erst ab 1955 nach einer Heirat nicht mehr automatisch entlassen wurden. Davon sind wir inzwischen weit entfernt. Dennoch verdienen Frauen für die gleiche Arbeit oft noch immer weniger als Männer, übernehmen mehr Hausarbeit, und auch die Verantwortung für die Kindererziehung ist weiterhin ungleich verteilt. Man muss sich nur einmal auf Schulhöfen umsehen, wenn die Kinder nachmittags abgeholt werden: Dort dominieren die Frauen, und die meisten Männer, die warten, sind pensionierte Großväter.
Hinzu kommt, dass Frauen einem Schönheitsideal ausgesetzt sind, das unter anderem von Modezeitschriften geprägt wird. In einem Interview sagte einmal jemand aus der Redaktion eines Modemagazins:
„Die Wirklichkeit lässt sich nicht mehr verkaufen.“
Mit anderen Worten: Vieles, was in solchen Magazinen gezeigt wird, ist künstlich inszeniert. Das führt zu immer mehr Cremes und Kosmetik – und oft zu weniger Selbstwertgefühl. Apps entfernen auf Fotos für Instagram und ähnliche Plattformen auf Wunsch automatisch Falten und Unebenheiten. Inzwischen treten aufgrund all dieser Gesichtscremes immer mehr Gesundheitsprobleme auf. Manche jungen Mädchen werden von Influencern dazu verleitet, sogar zehn Cremes übereinander aufzutragen und schädigen dadurch ihre Haut.
Äußeres und Identität
Biologische Unterschiede spielen übrigens auch eine wichtige Rolle in der Diskussion über Menschen, die nicht in das klassische Schema „Mann/Frau“ passen.
Mittlerweile wurden zahlreiche Gruppen beschrieben, zu denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer empfundenen Geschlechtsidentität gehören können. Besonders die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Menschen das bei der Geburt offiziell eingetragene Geschlecht ändern dürfen, ist ein aktuelles gesellschaftliches Thema.
Interessant ist dabei, dass laut dem Hirnforscher Dick Swaab ein bestimmter Gehirnbereich gefunden wurde, der sich bei Frauen und Männern unterscheidet – wobei diese Unterschiede individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. 4)
Außerdem wurde festgestellt, dass dieser Gehirnbereich bei Männern, die sich stärker als Frau empfinden, durchschnittlich eher weibliche Merkmale zeigt als bei anderen Männern. Der Bereich, in dem sich das Gefühl der „Geschlechtsidentität“ entwickelt, entsteht beim Fötus erst später als die Geschlechtsorgane; beide Entwicklungen verlaufen also nicht vollständig parallel.
Körperliche Faktoren können daher durchaus eine Rolle dabei spielen, ob jemand sich als Mann oder als Frau empfindet.
Eigentlich schien alles einmal ganz einfach: Es gibt Männer und Frauen; Männer fühlen sich als Männer und Frauen als Frauen; sie verhalten sich entsprechend; Männer fühlen sich zu Frauen hingezogen und Frauen zu Männern. Die Realität ist jedoch vielfältiger – eine Vielfalt, die manche nur schwer akzeptieren können.
Gehört man wirklich dazu?
Bisher ging es vor allem um das Wir-und-Sie-Denken und darum, wie Gruppen aufeinander blicken. Das wird wohl immer in Bewegung bleiben.
Eine ganz andere Geschichte ist das Geschehen innerhalb von Gruppen: in Vereinen, am Arbeitsplatz, unter Nachbarn, innerhalb von Familien und so weiter. Auch dort spielt sich vieles ab – vielleicht vor allem die wichtigste Frage überhaupt: Gehört man wirklich dazu oder nicht?
Darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal.
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Im Grunde gut. Rutger Bregman. Rowohlt, 2020.
Männer sind anders. Frauen auch.. John Gray. Goldman, 1993.
Jede Bewegung erzeugt ihre Gegenbewegung. In den USA gewinnen sogenannte „tradwives“ („traditional wives“) an Sichtbarkeit – traditionelle Hausfrauen, deren zentrale Werte Fürsorge, Anpassungsfähigkeit und vor allem Mutterschaft sind. Auf YouTube und TikTok (Facebook gilt in diesen Kreisen inzwischen eher als unmodern) zeigen sie – man kann einfach nach „tradwives“ suchen –, wie sie sich für ihre Männer schön machen und sie umsorgen, häufig unter Bezug auf die Bibel.
de Volkskrant, 3. Dezember 2022: „Biologen sehen immer mehr Zwischenformen zwischen Mann und Frau.“
Bei der Entstehung emotionaler Reaktionen spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Heute richten wir den Blick auf die Amygdala von Diana Ross. Über die Amygdala habe ich bereits eher geschrieben: Sie ist gewissermaßen die Schleuse, in der alle eingehenden Signale in einem schnellen Check geprüft werden, ob sie möglicherweise Gefahr oder vielmehr Chancen bedeuten. Der Neurowissenschaftler Daniel Goleman*) nannte sie „die emotionale Zeugenbank des Gehirns, ein Sammelbecken für all unsere Momente von Triumph und Scheitern, Hoffnung und Angst, Empörung und Frustration“.
Die Reaktion der Amygdala ist schon da ehe wir sie überhaupt bemerken; sie reagiert, noch ehe uns der Reiz bewusst wird, den sie bewertet.
Die Amygdala ist also zwar schnell, aber eher grob, und ihr fehlt eine entscheidende Information: Sie weiß nämlich nicht, ob die Signale tatsächlich über die Sinne aus der Außenwelt kommen oder aus unserem eigenen Denkprozess stammen.
Reflections
So konnte es geschehen, dass Diana Ross gemeinsam mit The Supremes in den 1960er-Jahren immer wieder an den Mann denken musste, der sie Jahre zuvor verlassen hatte:
“Through the mirror of my mind, time after time I see reflections of you and me Reflections of the way life used to be Reflections of the love you took from me (…) Everywhere I turn seems like everything I see Reflects the love that used to be In you I put all my hope and trust Right before my eyes my world has turned to dust After all the nights I sat alone and wept Just a handful of promises are all that’s left of loving you”
Und so ging das noch fünf weitere Strophen lang. Die Frage stellt sich: Warum musste Diana Ross ständig an diese alte Liebe denken? **)
Der entscheidende Satz lautet:
“Everywhere I turn seems like everything I see reflects the love that used to be.”
Mit anderen Worten: In der gegenwärtigen Realität gibt es über die Sinneswahrnehmung ständig Reize, die Assoziationen zu vergangenen Erlebnissen hervorrufen.
Sie geht an dem Café vorbei, in dem sie oft gemeinsam etwas getrunken haben, und über die Sinneseindrücke der Gegenwart erzeugt das Gehirn Bilder aus jener Zeit – samt der unangenehmen Erinnerung an das Ende der Beziehung. Diese Bilder erreichen wiederum die Amygdala, die nicht wirklich unterscheiden kann, dass diese assoziativen Bilder aus der Vergangenheit stammen. Die Amygdala sorgt dann dafür, dass dieselbe Standardreaktion ausgelöst wird, als würde Diana in diesem Moment erneut verlassen werden.
Dabei entstehen Veränderungen in Muskeln, Organen und elektrochemischen Prozessen im Körper, und diese Veränderungen gelangen in Dianas Gefühlswelt. Neben Traurigkeit, Wut und Enttäuschung können weitere Gedanken und Gefühle entstehen: Vielleicht beginnt Diana – nicht zum ersten Mal – daran zu zweifeln, ob sie gut genug ist, ob sie Liebe überhaupt verdient, und sie fragt sich, ob sie jemals einen treuen Partner finden wird. Danach bemitleidet sie sich womöglich selbst. Daran ändert auch eine goldene Schallplatte nichts. Auf diese Weise kommt sie nie wirklich von ihrer Vergangenheit los.
Die Kartei
Die Verbindung zwischen Denken und Emotionen ist nach Ansicht der Wissenschaft einer der wichtigsten – wenn nicht sogar der wichtigste – Faktoren dafür, wie Menschen ihr Leben erleben.
Der niederländische Psychologe und Publizist René Diekstra vergleicht den menschlichen Geist mit einer Kartei. Als Beispiel nennt er jemanden, der einen Kondolenzbesuch macht. Dabei wird automatisch die Karte mit dem Stichwort „Tod“ hervorgeholt. Darauf steht nicht nur, wie man sich bei einer Beileidsbekundung verhält, sondern auch die eigene Geschichte mit dem Tod – etwa der Verlust von Eltern oder geliebten Menschen – mitsamt den dazugehörigen Emotionen.
Wenn man also jemanden auf einer Beerdigung weinen sieht, muss das nicht ausschließlich Mitgefühl mit den Angehörigen bedeuten, denen gerade kondoliert wird.
Ich habe einige Male den Verkehrskreisel rund um den Arc de Triomphe in Paris gefahren. In mir kamen keinen Gedanke auf die mich an etwas Schönes oder Ärgerliches aus der Vergangenheit errinert haben. Die Autos kamen von allen Seiten, die Vorfahrtsregeln waren mir nicht ganz klar, und selbst wenn es eindeutige Regeln gegeben hätte, hätten die Pariser sie vermutlich ignoriert. Meine ganze Aufmerksamkeit galt also dem Verkehr.
Auch ein schwieriges Sudoku kann ich nicht lösen, während ich gleichzeitig Urlaubspläne schmiede. Wenn ich nicht bewusst mit etwas beschäftigt bin – mit etwas, das Aufmerksamkeit verlangt, weil sonst etwas schiefgeht –, dann drängen sich mir immer Gedanken auf, mehr oder weniger stark. Und soweit ich verstanden habe, gilt das weltweit für die meisten Menschen.
Jeder dieser Gedanken kann wiederum eine Emotion hervorrufen, und diese kann sich auf etwas beziehen, das vor einer Viertelstunde passiert ist oder vor fünfundfünfzig Jahren. Die ausgelöste Emotion erzeugt dann erneut Gedanken – und so weiter, und so weiter. Und bei Diana Ross wurde die Karte mit dem Stichwort „Liebe und Treue“ offenbar nicht mehr in die Kartei zurückgelegt.
Emotionale Intelligenz
Die Fähigkeit, Tatsachen und Gefühle voneinander zu unterscheiden, die Gedankenwelt von der „wirklichen“ Welt zu trennen und sich nicht ausschließlich von Emotionen leiten zu lassen, nennt man „emotionale Intelligenz“. Mehr dazu später.
Diana Ross überließ sich in „Reflections“, badend im Selbstmitleid, ganz ihren Emotionen – und offenbar gefiel das vielen Menschen: Platz 2 der Charts in den USA und Großbritannien, im „nüchternen“ Niederlande immerhin Platz 3 und in Deutschland noch Platz 16. Ob das wohl etwas über die emotionale Intelligenz der Käufer dieser Platte aussagt?
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*) EQ. Emotionale Intelligenz. Daniel Goleman, 1996.
**) Reflections, Diana Ross and The Supremes, 1967.
Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings noch etwas ergänzen – genauer gesagt: korrigieren. Es war nicht Diana Ross selbst, die dies persönlich erlebt hat. Wahrscheinlich war es eher einer der Herren Holland-Dozier-Holland – jenes Trios, das in den 1960er- und 1970er-Jahren eine beeindruckende Menge Musik schrieb und produzierte und damit unter anderem Diana Ross und The Supremes, Marvin Gaye, Jr. Walker & the All Stars und The Four Tops berühmt machte. Lebenserfahrung hatten sie offensichtlich.
Ordnet man die Titel ihrer Lieder in eine logische Reihenfolge, landet man schließlich bei jenem Titel, der ihr Gesamtwerk vielleicht am besten zusammenfasst: “What Goes Up Must Go Down.” Und dann beginnt alles wieder von vorn.
Bildbearbeitung: Johan Leo Koet (Fotos u. a. von Pexels)
ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES MUSIKGESCHMACKS IM LAUFE DES LEBENS
Es ist inzwischen mehr als sechs Jahre her, dass ich die niederländische Fernsehsendung Beste Zangers gesehen habe. Von Floor Jansen und Henk Poort hatte ich bis dahin noch nie gehört. Es war die letzte Folge der Staffel und zugleich das erste Mal, dass ich diese Sendung sah. Doch als sie ihr Lied sangen, war ich sofort überwältigt: „Was ist das – was geschieht hier?“, fragte ich mich. Es war der Beginn einer völlig neuen Episode in meinem Musikgeschmack.
Offenbar unterscheiden sich Musikgeschmäcker nicht nur zwischen Menschen, sondern verändern sich auch im Laufe eines Lebens – und das wird auch wissenschaftlich so betrachtet. So unterscheidet man verschiedene Phasen: Alles, was sich in den ersten 12 oder 13 Jahren entwickelt, geht über in eine intensive Phase, die Pubertät. Wenn diese etwas abgeklungen ist, folgt eine moderne Phase, die stärker von sozialen Kontakten im Freundeskreis und vom Ausgehen geprägt ist. Danach kommt – zum Beispiel nach einer Midlife-Crisis – eine verfeinerte Phase, eine Lebensperiode, in der „Intellekt, Status und emotionale Reife“ wichtiger werden. Im höheren Alter wird man dann wieder etwas weniger anspruchsvoll und scheint sich eher einfacherer Kost zuzuwenden.¹ Der Geschmack verändert sich also im Laufe des Lebens, aber es gibt auch Wissenschaftler die betonen, dass er ebenso von der Persönlichkeit abhängt und daher relativ stabil sein kann.
Was man von zu Hause mitkriegt
Bei uns zu Hause wurde früher am Sonntagnachmittag über den Drahtfunk (das Amsterdamer Kabelradio) oft die Radiosendung Opera en Belcanto des belgischen Rundfunks gehört. Unter der Woche gab es (und gibt es noch immer) das Arbeidsvitaminen heisst (bei uns also zur Unterstützung der Hausarbeit). Eine große Vielfalt an Musik also. Von den klassischen Sendungen ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben, wohl aber von der leichteren Musik, etwa von Paul Anka, Neil Sedaka, Roy Orbison, Ricky Nelson und Chubby Checker. Und ich bemühe mich seit Jahren, Love Letters in the Sand von Pat Boone genauso schön zu singen wie er – bisher allerdings ohne Erfolg.
Als ich ein kleines Kristallradio hatte, empfing ich darauf nur einen niederländischen Sender richtig gut, und ich hörte samstagabends im Bett den Beginn von einen religiösen Program, in dem immer Mozarts Ave Verum gespielt wurde. Das fand ich wunderschön – und finde es bis heute.
Die erste Welle: Pop
Als ich 15 Jahre alt war kaufte ich mir von meinem Ferienjob das erste richtige Radio. Sonntagsabends hörte ich immer Radio Luxemburg, wo um 23 Uhr die englischen Top 20 liefen. Und dann begann die nächste Phase der leichten Musik. Mit From Me to You und Please Please Me hielten die Beatles Einzug in meinem Leben. Was für eine Frische, Heiterkeit und Energie! Und mit all den folgenden Hits blieb da so. Ich höre sie noch heute oft – auch weil meine jüngste Tochter inzwischen nach und nach alle Beatles-Alben auf Spotify abspielt. Damals habe ich sie alle gekauft, ließ mir die Haare wachsen und besaß sogar eine kragenlose Beatles-Jacke. Es hatte, bei mir, nichts mit Rebellion gegen eine ältere Generation zu tun – es war pure Lebensfreude.
In diesen Jahren kaufte ich hin und wieder auch eine klassische Schallplatte: in meiner Pubertät frühe Sinfonien von Mozart, ein Violinkonzert von Brahms und Beethovens Pastorale. Außerdem erwarb ich eine LP des Jazzpianisten Errol Garner. Dennoch hörte ich vor allem Popmusik, unter anderem David Bowie und Elton John. Und das blieb eigentlich lange der Schwerpunkt – bis ich ein weiteres Musikgenre entdeckte. War es das Bedürfnis nach oben genannter Verfeinerung?
Die zweite Welle: Minimal Music
Es war Anfang der 1990er Jahre. Ich sah einen Film, der nur aus Bild und Musik bestand – mit abwechselnd schnellen und langsamen Aufnahmen von Natur und Städten sowie entsprechender Musik. Der Film beschreibt die Beziehung des Menschen zur Natur, und der Titel Koyaanisqatsi bedeutet in einer indianischen Sprache „Leben aus dem Gleichgewicht“. Der Komponist der Filmmusik war Philip Glass. Es ist ein faszinierender, beklemmender Film – mit ebenso eindringlicher Musik, die aus einer Abfolge vielfach wiederholter einfacher musikalischer Phrasen besteht. Hier der Trailer von dem Film.
Meine Wertschätzung dieser Musik bwurde noch grösser durch den Film (The) Hours aus dem Jahr 2012 mit Meryl Streep, Nicole Kidman und Julianne Moore – gewiss keine leichte Kost, aber einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe. Nachdem wir (meine Partnerin und ich) den Film im Fernsehen gesehen hatten, kauften wir sofort die DVD. Auch in (The) Hours stammt die Musik von Philip Glass. Ich entdeckte, dass es auch eine Klavierversion der Kompositionen gibt, und seitdem spiele ich sie sehr häufig. Hier die ersten Minuten von (The) Hours:
Die dritte Welle: Symphonic Metal
Oder besser gesagt: Nightwish. Nachdem ich Floor Jansen und Henk Poort gehört hatte, suchte ich im Internet nach der Band, in der Floor Jansen seit 2012 als Frontfrau auftritt. Seit ich Nightwish vor etwa fünf Jahren entdeckt habe – auch durch Live-Auftritte auf YouTube –, bin ich gewissermaßen süchtig danach geworden. Nightwish ist eine finnische Band, die oft eine Kombination aus kraftvollem Rock und wunderschönen melodischen Linien bietet, gesungen durch Floor Jansen. Sie singt im Opernstil, als Rock-Sängerin oder als Popsängerin, greift gelegentlich sogar zum Growling und wechselt mühelos zwischen Kopf- und Bruststimme.
Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen, andere Symphonic-Metal-Bands als Nightwish zu hören. Und ich habe mich immer noch nicht ganz von der Verwunderung erholt, dass ich ein Genre, das ich früher nie gehört habe, so intensiv genießen und emotional erleben kann. Offenbar bin ich damit nicht allein, wenn man die Reaktionen unter dem Video Ghost Love Score auf YouTube liest:
„Ich habe Nightwish gerade erst entdeckt. Ich bin über 70 und habe eure Musik noch nie gehört. Ich bin erschüttert, dass ich sie all die Jahre verpasst habe. Wunderschön.“
„Ein einziges Video, ein einziger Song hat meine Vorstellung davon, welches Musikgenre ich bevorzuge, völlig verändert.“
„Hier bin ich … 79 Jahre alt und habe das erst vor zwei Tagen entdeckt. Jetzt kann ich sterben, nachdem ich die beste Musik der Welt gehört habe.“
Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob dies nun die verfeinerte Phase ist oder ob ich mich bereits in der weniger anspruchsvollen Phase befinde. Darüber bin ich mir noch nicht im Klaren.
Hier drei Video’s von Nightwish. Das erste ist ein ruhiges Lied, das zweite empfehle ich nicht vor dem Ein schlafen und das dritte höre ic ham meisten: Ghost Love Score.
PS. Ach ja, ich singe übrigens im Koninklijk Haarlems Mannenkoor, mit wunderbarer Männerchormusik, die mir im gemeinsamen Gesang oft eine Gänsehaut beschert. Im vergangenen Jahr gaben wir ein Konzert mit Wiener Klängen. Ich habe mich sehr darauf gefreut – besonders, seit ich auf YouTube einen Wiener Männerchor An der schönen blauen Donau singen hörte. Ich würde sagen: Ob es nun Jugenderinnerung, Verfeinerung oder verminderte Ansprüche war – es war in jedem Fall ein wunderschönes Konzert für Jung und Alt.
¹ Music through the Ages: Trends in Musical Engagement and Preferences from Adolescence through Middle Adulthood. Cambridge 2013.
In einer geschlossenen Facebook-Gruppe unseres Chors hatte ich einmal ein Video von Nightwish gepostet. Es gab einige positive und auch ein paar kritische Reaktionen. Ein Chormitglied (nennen wir ihn der Einfachheit halber Jan2) schrieb: „An der musikalischen Bildung lässt sich wohl noch etwas verbessern.“
Meine Antwordt war: „Musikalische Bildung sollte nie dazu führen, dass man bestimmte Musik nicht mehr genießen kann, sondern eher dazu, sich für Genres zu öffnen, mit denen man weniger vertraut ist.“ Ich ging also davon aus, dass Jan2 meine musikalische Bildung kritisiert hatte, und reagierte entsprechend defensiv. Zu meiner großen Verlegenheit stellte sich jedoch heraus, dass er das gar nicht gemeint hatte, wie sein Nachsatz zeigte: „Ich meine das aus verschiedenen Perspektiven – lassen wir uns überraschen. Immer her damit!“
Kommunikation ist immer schwierig – besonders mit anderen Menschen.
Vier Ohren
Kommunikation ist schwierig, weil wir Menschen einander oft missverstehen. Manchmal liegt das an sprachlichen Hürden, häufiger aber daran, dass Dinge nur halb ausgesprochen werden und der Rest erraten werden muss. Oder wir hören nur mit halbem Ohr zu, weil wir innerlich schon an unserer Antwort feilen. Oder wir glauben ohnehin zu wissen, was der andere sagen wird – und hören deshalb gar nicht mehr richtig hin.
Eine der größten Herausforderungen in der Kommunikation besteht darin, dass wir gewissermaßen vier Ohren haben. Nach der Theorie des deutschen Psychologen Friedemann Schulz von Thun kann eine Aussage nämlich vier unterschiedliche Botschaften enthalten. Und entsprechend kann eine Frage auch auf vier verschiedene Arten gehört werden.
Nehmen wir den Tag der Müllabfuhr. An einem Freitagmorgen höre ich die Frage: „Steht die Mülltonne schon draußen?“
Das Sachohr Wenn ich zufällig gesehen habe, dass sie noch im Schuppen steht, könnte ich schlicht antworten: „Nein.“ Eine sachliche Frage – sachlich beantwortet. Ich habe nur auf den reinen Informationsgehalt gehört. Das ist die einfachste Form des Verstehens.
Das Appellohr Aber würde ich danach ruhig meinen Kaffee weitertrinken? Oder könnte in der Frage auch ein unausgesprochener Appell stecken, etwa: „Und wenn sie noch nicht draußen steht, könntest du sie bitte rausstellen?“ Wenn ich das mitdenke, habe ich die Frage als Aufforderung verstanden. Ich frage mich: Was will der andere eigentlich erreichen? Das Sachohr tritt zurück, das Appellohr übernimmt. Oft wird daraus geschlossen, dass der Fragende eine Bitte oder Erwartung äußert.
Das Selbstoffenbarungsohr Man kann auch darauf achten, was die Frage über den Fragenden selbst aussagt. Mit diesem „Selbstoffenbarungs-Ohr“ hört man vor allem auf den Tonfall: Schwingt Ungeduld mit? Gibt es ein Seufzen? Vielleicht sogar ein Stöhnen, das andeutet: „Ich schaffe das gerade wirklich nicht allein.“
Das Beziehungsohr Schließlich gibt es noch das Beziehungsohr. Was sagt die Frage über das Verhältnis zwischen den Beteiligten? „Höre ich da schon wieder einen Vorwurf heraus – dass ich etwas vergessen habe oder mich zu wenig im Haushalt einbringe? Sieht mein Gegenüber denn nicht, wie viel ich ohnehin schon mache?“
Und während wir all das hineininterpretieren, bleibt oft unklar, was eigentlich gemeint war – bis man miteinander darüber spricht.
Die Interpretation dessen, was jemand sagt, und welches „Ohr“ wir benutzen, hängt stark davon ab, welches Bild wir uns von der sprechenden Person gemacht haben. Und dieses Bild kann durchaus falsch sein. Später werde ich noch auf meine Erfahrungen mit Byron Katie eingehen. Sie arbeitet mit vier Fragen, die man sich über die eigenen Annahmen stellen kann – über andere und über sich selbst. Die erste lautet: „Ist das wahr?“ Und die zweite: „Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?“
Gewaltfrei
In den 1960er-Jahren entstand die Bewegung der Gewaltfreien Kommunikation. In großen gesellschaftlichen Konflikten bis hin zu Kriegssituationen wurden damit Erfolge erzielt, indem die Parteien wieder miteinander ins Gespräch gebracht wurden. Im Zentrum stand die Bereitschaft, die Bedürfnisse der jeweils anderen Seite ernsthaft anzuhören und darauf aufbauend eine Beziehung zu entwickeln, die auf die Erfüllung gegenseitiger Bedürfnisse ausgerichtet ist.
Der Ansatz von Marshall Rosenberg wurde später unter anderem von der Französin Natalie Achard aufgegriffen. Organisationen wie Greenpeace und Amnesty International holten sie hinzu, als sie feststellten, dass sie seit Jahrzehnten dieselben Botschaften verbreiteten, ohne wirkliche Veränderungen zu erreichen. In ihrem jüngsten Buch zeigt sie, dass Vorwürfe, Schuldzuweisungen und das Vorschreiben von Verhalten wenig bewirken. Stattdessen kann der Fokus auf gegenseitige Bedürfnisse tatsächlich Brücken bauen – und der Ansatz aus den 1960er-Jahren ist bis heute wirksam.
Zwei Tage, nachdem ich das alles aufgeschrieben hatte, antwortete ich in einer WhatsApp-Gruppe auf eine Nachricht mit den Worten: „Das ist natürlich eine ganz schlechte Meinung“ Es wurde schnell klar, dass dieser Beitrag die Diskussion nicht vorangebracht hat. Wir haben drie Monaten ncht meht miteinder geredet. Theorie und Praxis liegen bei mir eben doch manchmal ein Stück auseinander.
An vielen Stellen sind wir weit davon entfernt, die Bedürfnisse anderer wirklich zu verstehen. Menschen kommen einander nicht näher. Hinzu kommt, dass von jedem ständig eine Meinung erwartet wird. Auf Klatschseiten wird häufig über Streitigkeiten zwischen Prominenten berichtet – und gleich eine Umfrage angehängt: „Wer hat recht: Ankie oder Trudy?“ Eine Antwort wie „Woher soll ich das wissen?“ ist dort nicht vorgesehen.
Und dann gibt es noch Vereinfachungen, Unwahrheiten, Fehlschlüsse und Verschwörungsdenken, bei dem Menschen auf Grundlage einzelner Beobachtungen, Vermutungen oder „eines Videos im Internet“ zu felsenfesten und lautstark verkündeten Wahrheiten gelangen.
Dazu werde ich selbstverständlich knallharte Standpunkte einnehmen.
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*) Friedrich Schulz von Thun: Miteinander reden. 1981 **) Byron Katie: Lieben, was ist. 2002 ***) Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. 2001
Unsere Sinne haben sich im Laufe der Evolution erhalten, weil sie zum Überleben der Art beitragen. Sie erfüllen dabei eine Funktion. Aber da wir sie nun einmal haben, können wir zum Beispiel unsere Augen auch für Dinge nutzen, die nicht direkt zum Überleben beitragen, wie das Betrachten von Kunst und das Genießen anderer möglicher Formen sinnlicher Lust.
In Museen wurde ich früher oft genauso müde wie bei einem Besuch im Möbelhaus. Hunderte von Objekten verlangen dort nach meiner Aufmerksamkeit – und die kann ich natürlich nicht jedem einzelnen widmen. Kaum hat man ein Kunstwerk betrachtet, drängt sich schon das nächste ins Blickfeld. Das halte ich nie lange durch. Doch seit ich die Sitzbänke für mich entdeckt habe und mir erlaube, nicht alles sehen zu müssen, gehe ich sehr gern ins Museum.
Das erste Mal habe ich das im Rijksmuseum erlebt. Nach etwa zwanzig Minuten in den Sälen mit den großen Meistern war ich völlig erschöpft. Ich zog mich in eine großzügige Halle zurück, setzte mich auf eine Bank – und sah plötzlich zum ersten Mal wirklich das Gebäude selbst und den wunderbaren Raum, in dem ich mich befand. Diesen Raum einfach auf mich wirken zu lassen, ohne mich auf ein bestimmtes Objekt oder Detail zu konzentrieren, war eine große Erleichterung.
In einem Museum gibt es mehr zu sehen als nur Kunst. Im Singer Museum in Laren (NL) habe ich einmal bewusst alles betrachtet – nur nicht die ausgestellten Werke. Ich fotografierte die Räume der Ausstellungen, die Deckenstruktur, die Bänke in den Sälen, sogar eine Toilettenbürste von oben betrachtet¹. Es war einer meiner vergnüglichsten Museumsbesuche.
Van Gogh
Visueller Genuss ist etwas, das mir widerfährt. Ich hatte bereits Dutzende Gemälde von Vincent van Gogh im Van Gogh Museum gesehen. Doch ein kleines Bild aus seiner dunklen Brabanter Periode im Noordbrabants Museum kam mir schon aus einiger Entfernung regelrecht entgegen: ein eindringliches Porträt einer Bäuerin („Frau mit Falie“). Es drängte sich mir auf und berührte mich emotional – während ich vielleicht gedankenverloren, im „Standby-Modus“, durch den Saal schlenderte.
Für visuellen Genuss muss man nicht ins Museum gehen. Nach einer anstrengenden Wanderung in der Hitze sah ich mich um – und von einem Baum, der im Sonnenlicht stand, gingen rosafarbene Lichtstrahlen aus, vibrierend, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte und nie vergessen werde. Erst danach begann mein Gedächtnis mit seinen Assoziationen zu arbeiten, und ich fragte mich, ob solche Erfahrungen Vincent van Gogh dazu gebracht haben könnten, so zu malen, wie er es tat.
Anders sehen
Unser Blick ist meist nach außen gerichtet: Wir schauen aktiv aus den Augen heraus, suchend, scannend. Selbst in der Natur benennen wir – oft unbemerkt – das, was wir sehen, laut oder innerlich. Häufig fügen wir eine kleine Beobachtung hinzu („Ach, eine gewöhnliche Butterblume, das hätte ich nicht erwartet“) oder einen Vergleich („Diese Landschaft erinnert mich stark an Luxemburg“). Hier ist also das Gehirn am Werk, das seine Erwartungen nach außen projiziert.
Wir formulieren oft, was wir sehen – wenn niemand in der Nähe ist, vielleicht sogar laut – und üben im Kopf schon, wie wir es später zu Hause oder auf Plattformen wie Facebook oder Instagram erzählen werden.
Der australische spirituelle Lehrer Barry Long hat mir gezeigt, dass man auch umgekehrt schauen kann: nicht aktiv nach außen gerichtet, sondern den Blick gewissermaßen in der Mitte ruhen lassen, das Gesichtsfeld so weit wie möglich öffnen und einfach wahrnehmen, was eintritt. Die Aufmerksamkeit wird nicht aktiv gelenkt, sondern ist in einer Art empfänglicher Offenheit für die eintreffenden Bilder.
Wenn ich draußen in der Natur sitze oder gehe und auf diese Weise schaue, habe ich das Gefühl, von der Umgebung umhüllt zu sein. Es entsteht mehr Tiefe, fast eine stärkere Dreidimensionalität, als wenn mein Blick von Objekt zu Objekt springt. Und dann stellt sich Ruhe ein. Vielleicht auch, weil es Aufmerksamkeit kostet, den Blick weit zu halten – und dadurch für Gedanken vorübergehend kein Raum bleibt. Ruhe auch deshalb, weil ich nicht aktiv suche, scanne oder projiziere, sondern einfach das gesamte Spektrum an Lichtnuancen empfange, das auf mich trifft. 2)
Die Neigung, doch wieder zu fokussieren, Dinge zu benennen und festzuhalten, bleibt immer präsent. Aber ich bemerke das inzwischen oft rechtzeitig, öffne den Blick wieder – und kann die Weite erneut erfahren.
Wartend an der Kasse
Ich nutze diese Haltung manchmal auch in Innenräumen. Wenn ich in der Schlange an der Kasse stehe, merke ich oft, wie mein Blick ins Leere geht oder über Hunderte von Produkten wandert. Am entspannendsten ist es jedoch, den Raum einfach ohne Fokus in mich aufzunehmen, ohne gezielte Aufmerksamkeit auf irgendetwas.
Dann kommt mir häufig der Impuls, doch noch schnell den Einkaufszettel zu überprüfen. Diesen Gedanken versuche ich dann bewusst loszulassen. Schlimmer als nach dem Bezahlen noch einmal in den Laden zurückgehen zu müssen, finde ich es nämlich, den Wagen in der Schlange stehen zu lassen, zurückzulaufen – und mich zu sorgen, ob ich rechtzeitig wieder meinen Platz an der Kasse einnehmen kann.
Und vielleicht genieße ich in solchen Momenten an der Kasse mehr als beim Betrachten² von dreihundert Gemälden.
O O O O O O O O O O
¹ Singer Museum Laren. Toilettenbürste im Halter, 2019 ² Die niederländische Kunsthistorikerin Wieteke van Zeil empfiehlt, beim Betrachten von Kunst, den Großteil der Säle und Werke eines Museums bewusst zu ignorieren. Stattdessen solle man ein Werk nicht sofort als Ganzes erfassen, sondern sich zunächst auf Details konzentrieren. Allmählich „öffnet“ sich dann das Kunstwerk; erst danach sollte man herauszoomen und das Ganze betrachten. Dieser Ansatz kann Aspekte sichtbar machen, die bei flüchtiger Betrachtung verborgen bleiben. Sie beschreibt dies in ihrem Buch „Sieh hin! Ein offener Blick auf die Kunst“ (Seemann Henschel, 2022).
Dieser Blog beschäftigt sich mit den Sinnen, die beim Essen beteiligt sind – und das ist längst nicht nur die Zunge.
Das Schmecken, also der Geschmackssinn, ist ein einfaches, aber äußerst wirkungsvolles Sinnesorgan. Ursprünglich dient er dazu festzustellen, ob Stoffe, die wir zu uns nehmen wollen, giftig oder ungiftig sind und ob sie nahrhaft sind oder nicht. Eine Art kleines chemisches Labor, in dem die Nahrung geprüft wird, bevor sie geschluckt wird. Aber Essen ist weit mehr als nur ein technischer Vorgang.
Essen ist mehr als Schmecken
Wenn wir essen, gelangen auch die Gerüche der Speisen direkt in die Nase. Ist die Nase verstopft, schmeckt das Essen deshalb deutlich weniger intensiv. Doch noch weitere Sinne sind beteiligt. Die Form der Nahrung im Mund wird durch den Tastsinn wahrgenommen, ebenso spüren wir, ob etwas kräftig gekaut werden muss oder vielleicht fast von selbst zergeht.
Nach den Regeln der Etikette soll man beim Essen möglichst wenig Geräusche machen. Aber von knusprigen Chips hieß es einmal treffend: „Sie schmecken so, wie sie krachen.“ Selbst die Verpackung muss rascheln – sonst sind es offenbar keine guten Chips. Und auch das Auge isst mit: Das Essen soll appetitlich aussehen.
Beim Essen sind also tatsächlich alle Sinne beteiligt.
Gefahr
Ich fand es sehr beruhigend zu lesen, dass bittere Stoffe – besonders von Kindern – oft abgelehnt werden, weil in unseren Genen noch gespeichert ist, dass viele giftige Pflanzen bitter schmecken. Die Weigerung, Bitteres zu essen, ist also eigentlich eine natürliche Schutzreaktion.
Mein Bruder konnte Endivien überhaupt nicht ausstehen, und ich selbst mochte Chicorée wegen seines bitteren Geschmacks nicht. Eigentlich hätten unsere Eltern das respektieren müssen, denn wir signalisierten damit ja, dass wir instinktiv wussten, was gut für uns war. Aber nein – wir wurden gezwungen, es trotzdem zu essen. Und indem wir uns an den bitteren Geschmack gewöhnten, verloren wir vielleicht sogar ein Stück jener Fähigkeit, lebenswichtige Unterschiede wahrzunehmen.
Zu meiner eigenen Überraschung esse ich heute gern Rosenkohl. Und tatsächlich ist es bei vielen Menschen so, dass sie im Laufe ihres Lebens Bitterstoffe immer besser vertragen – und sie schließlich sogar mögen.
Zu dick belegt
Trotzdem bin ich ein ausgesprochener Naschmensch geblieben. Als Kind wurde ich zu Hause manchmal „Jan Hagel“ genannt. Zuerst musste immer ein Butterbrot mit Käse oder Wurst gegessen werden, erst danach durfte etwas Süßes kommen.
Die Schokostreusel durfte ich natürlich nicht zu dick auf das Brot streuen. Deshalb erfand ich mein sogenanntes „Schiebebrot“: Schokostreusel auf das Butterbrot, das Brot in vier Stücke schneiden und dann die Streusel vom ersten Stück auf das zweite schieben. Das erste Stück ohne Streusel essen, dann auch das zweite entsprechend weiterbearbeiten – und am Ende hatte das vierte Stück einen herrlichen Berg Schokostreusel oben drauf.
Meine Mutter hatte die vorbereitenden Schritte nicht gesehen. Sie sah irgendwann nur dieses letzte Stück. Das war natürlich viel zu dick belegt, und die überschüssigen Streusel wurden zurück in die Packung geschüttet. Meine Erklärung half nichts.
Aufmerksamkeit für das Essen
Die Frage bleibt: Wie bewusst essen wir eigentlich?
Essen ist in den letzten Jahren ausgesprochen modern geworden. Kochbücher stehen in den Bestsellerlisten, es gibt zahllose Fernsehsendungen darüber, und Spitzenköche sind längst Stars. Neben gutem Geschmack geht es um gesundes Essen, um Ernährungskonzepte und um Diäten für das ideale Gewicht.
Man könnte also sagen: Diese Aufmerksamkeit führt automatisch zu bewussterem Essen.
Andererseits: Wenn eine nette Runde erst ausführlich beim Aperitif zusammensitzt, dazu Chips und andere salzige Snacks verzehrt, und wenn auch während des Essens reichlich getrunken wird, dann bleibt vom bewussten Schmecken – ebenso wie vom ausgewogenen Ernährungsplan – oft nicht mehr viel übrig. Dann ist Essen vor allem ein soziales Ereignis.
Meine Partnerin und ich bekommen dreimal pro Woche ein Kochpaket nach Hause geliefert. Dadurch werden wir regelmäßig eingeladen, neugierig zu probieren, was diesmal Besonderes auf dem Teller liegt.
Trotzdem bekommen wir nie genug von Sauerkrautstampf mit Spiegelei – und besonders im Sommer auch nicht von einer ganz einfachen Mahlzeit aus Salzkartoffeln und grünen Bohnen, übergossen mit einer Buttersoße mit Knoblauch.
Intensive Geschmackserlebnisse
Peter Winnen, erfolgreicher niederländischer Radrennfahrer bei der Tour de France in den 1980er Jahren, hatte seine intensivsten Erfahrungen mit Essen dann, wenn er sich in den Bergen geradezu zum Essen zwingen musste. Radrennfahrer müssen ihren enormen Energieverbrauch mit riesigen Kalorienmengen ausgleichen – 6000 bis 8000 Kilokalorien an einem Tag, an dem die Strecke über schrecklich hohe Pässe führt.
„Das viele Essen vor so einer Bergetappe war für mich eine Qual. Davon habe ich wirklich ein Trauma behalten. Da saß man morgens um sechs mit verschlafenem Kopf vor einer warmen Mahlzeit. Fressen, bis einem schlecht wird.“
Er erzählte, dass er bis heute Essen nicht wirklich genießen kann.
Meine intensivste Erfahrung mit Nahrung machte ich während eines Meditationskurses, bei dem die Teilnehmer 24 Stunden lang schweigen mussten und einander nicht ansehen durften. Ganz auf mich selbst zurückgeworfen, richtete sich meine gesamte Aufmerksamkeit auf das Geschehen in meinem Mund – so intensiv wie nie zuvor.
Den trockenen Reis und die Möhrchen (zum Frühstück!) und den langen Kauprozess habe ich nie vergessen.
Diese Woche las ich die Geschichte einer Frau, die sich vor dem Anblick einer Kakerlake ekelte. Plötzlich begriff sie, dass sie – genau wie dieses Tier – Teil derselben lebendigen Materie war. Sie aß die Kakerlake, und was dann geschah, berührte sie tief.
Es war, als würde sie zum ersten Mal überhaupt Geschmack wahrnehmen – und dieser Geschmack war: nichts. Durch das Essen der Kakerlake vermischte sie sich mit der Welt, legte ihre Menschlichkeit ab und fühlte sich dadurch befreit.
Es ist nur eine Geschichte, aus einem Roman¹, aber sie zeigt für mich sehr deutlich, dass Essen, Schmecken und das Erleben von Geschmack uns bewusst machen können, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Zum Schluss
Es wird geschätzt, dass weltweit mehr als 100 Millionen Liebeslieder aufgenommen wurden. Alle Stadien der Liebe werden besungen: neue Liebe, dauerhafte Liebe, Hingabe und Verehrung, Heirat, Zweifel, Versuchung, Untreue und vieles mehr.
Die Zahl der Lieder über das Essen dürfte dagegen nur ein Bruchteil davon sein.
Ich kenne einige niederländischsprachige Lieder über das Essen. Kennen Sie deutsche Lieder über das Essen? Ich freue mich darauf – Sie können unten gern einen Kommentar hinterlassen.
Nach diesem Blog folgen noch zwei weitere Beiträge über die Welt der Wahrnehmung. Danach kommen einige Betrachtungen über die Welt der Emotionen, und anschließend ist die Welt des Denkens an der Reihe.
¹ Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Penguin Verlag, München 2025.
Der Titel verrät es bereits: Heute geht es wieder um unsere Wahrnehmung. Gleich zu Beginn ein verbreitetes Missverständnis aus dem Weg geräumt: Die Qualität unseres Geruchssinns hängt nicht von der äußeren Größe des „Riechorgans“ ab. Kinder sollte man daher früh darauf hinweisen, dass man durchaus skeptisch sein darf, wenn ein Wolf – oder jemand anderes mit großer Nase – behauptet, er könne deshalb besser riechen.
Professorin Iris Sommer, Lehrstuhlinhaberin für Psychiatrie in Groningen, beginnt ihr jüngstes Buch über die Sinn mit der Nase. Ihrer Ansicht nach ist sie unser ältester Sinn. Ursprünglich diente er vor allem dazu festzustellen, ob etwas essbar ist, spielt aber auch eine Rolle bei der Fortpflanzung. Es ist ein Sinn, den wir die meiste Zeit kaum bewusst wahrnehmen. Erst wenn Brandgeruch auftritt (dann ist sofortiges Handeln gefragt), unangenehme Gerüche entstehen (die möglichst schnell beseitigt werden müssen) oder jemand mit starkem Parfum oder Deodorant vorbeigeht, dringt der Geruch ins Bewusstsein.
Was nicht auf Immowelt.de steht
Gerüche spielen manchmal eine größere Rolle, als man denkt. Rückblickend glaube ich, dass wir ohne meine Nase wahrscheinlich noch immer in Diemen wohnen würden. Meine Partnerin und ich lebten dort zur Miete und kauften in derselben Gegend ein Haus, das noch im Bau war. Ein Jahr später – noch vor der Fertigstellung – wurden der Amsterdamer Autobahnring A10 und die Anbindung an die A1 eröffnet. Die neuen Verkehrsströme führten ganz in unserer Nähe vorbei; von unserem Haus aus konnten wir die Autos auf der Zeeburgerbrücke sehen. Und wir konnten sie riechen.
Vor allem an nebligen Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, wurde mir klar, dass das vielleicht doch nicht der beste Ort für mich war. Ich bekam eine neue Arbeitsstelle, und ein Kollege machte mich auf ein Haus direkt hinter den Dünen aufmerksam. Meine Partnerin besichtigte es sofort, und am nächsten Tag gingen wir gemeinsam hin.
Wir hielten in einer grünen Wohngegend („lommerrijk“, also von Bäumen gesäumt, stand in der Anzeige), ich öffnete die Autotür – und sofort strömte mir der Duft von Kiefern und Dünen entgegen. Ich sagte: „Wenn das Haus auch nur halbwegs passt, will ich hier wohnen.“ Die Eigentümerin empfing uns herzlich, es war angenehm warm, der Holzofen brannte und es roch nach Kaffee. Wir waren sofort überzeugt – und leben dort nun seit über dreißig Jahren mit großer Freude.
Ich roch … und wusste sofort …
Das Bemerkenswerte an Gerüchen ist, dass sie starke Assoziationen hervorrufen können. In unserem Gedächtnis sind mit vielen Erlebnissen auch die dazugehörigen Gerüche gespeichert. Beim bewussten Erinnern treten sie oft nicht sofort hervor – doch umgekehrt kann ein bestimmter Geruch augenblicklich Erinnerungen an vergangene Orte wachrufen.
Corona
Es gibt auch viele Menschen, die – ohne es zu bemerken – Gerüche wahrnehmen, die gar nicht existieren. Sie leiden an Phantosmie, also Geruchshalluzinationen. In einer Studie des amerikanischen National Institute on Deafness and Other Communication Disorders gaben 6,5 % der Befragten an, solche „Phantomgerüche“ zu erleben – und das noch vor Corona. Während der Pandemie berichteten viele von unangenehmen Gerüchen, die tatsächlich nicht vorhanden waren. Dabei zeigte sich die warnende Funktion des Geruchssinns, allerdings noch nicht zuverlässig, während angenehme Düfte oft (noch) nicht wahrgenommen werden konnten.
Die Kunst des Riechens
Eine der Anregungen des Autors Rob Walker 1) – über den ich bereits vergangene Woche geschrieben habe – ist der sogenannte „Geruchsspaziergang“. Dabei hält man alle wahrgenommenen Düfte auf einer Art Geruchskarte der Umgebung fest. Man muss dafür nicht einmal Geschäfte betreten: Schon auf der Straße begegnet man einer erstaunlichen Vielfalt an Gerüchen – Bäckerei, Drogerie, Werkstatt oder Fahrradreparatur, Buchhandlung (achten Sie einmal auf den Unterschied zwischen neuen und antiquarischen Büchern), Blumenladen oder Käsegeschäft. Schnell merkt man: Jeder Ort hat seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Duft.
Die intensivsten und zugleich unerquicklichsten Geruchserfahrungen, die ich gemacht habe, stammen von einem esoterischen New-Age-Laden, der jahrzehntelang von Räucherstäbchen durchdrungen war, und von dem Duftladen LUSH – dessen Gerüche mir selbst auf der gegenüberliegenden Straßenseite noch Übelkeit bereiteten. LUSH stellt seine Produkte ohne Tierversuche her; vielleicht auch, weil die Tiere am Geruch bereits gestorben wären, bevor man sie hätte einreiben können.
Und dann geht man draußen an der frischen Luft – und zwei Joggers ziehen in einer Wolke aus Deodorant vorbei. Auch das empfinde ich als eine Form von Luftverschmutzung.
Oft heißt es, der menschliche Geruchssinn sei wenig ausgeprägt. Die niederländische Zeitung de Volkskrant berichtete jedoch am 27. August vergangenen Jahres von einer „anwachsenden Forschungswelle“, die zu anderen Ergebnissen kommt. Während Hunde bestimmte Gerüche äußerst präzise wahrnehmen können (man denke an Spürhunde), scheint der Mensch in der Lage zu sein, Milliarden unterschiedlicher Duftkombinationen zu unterscheiden. Man denke nur an die differenzierte und umfangreiche Terminologie, mit der Weinkenner ihre Eindrücke beschreiben.
Gerüche aussenden
Auch wir selbst senden über Gerüche Signale aus. Iris Sommer beschreibt verschiedene Arten von Schweiß, aus denen sich Rückschlüsse ziehen lassen. Intensives Training erzeugt einen anderen Geruch (den sie sogar angenehm findet) als Büroarbeit oder die stickige Luft in einem überfüllten Zug, das sich wiederum unterscheidet vom Angstschweiß.
Testosteron fördert die Produktion von Androstenol im männlichen Schweiß – ein Stoff, der, solange er frisch ist, auf Frauen anziehend wirken kann. Wenn sich zwei Menschen begegnen, schauen sie sich in die Augen, um die Vertrauenswürdigkeit des anderen einzuschätzen. Doch möglicherweise spielt dabei auch die Nase eine Rolle: Wer lügt, könnte etwa Angstschweiß absondern.
Bei Begegnungen über das Internet fehlt all das. Deshalb ist es schade, dass gerade junge Menschen ihre eigenen Körpergerüche am liebsten mit Sprays und Cremes überdecken. Gerüche sind Botschafter – und indem wir sie maskieren, entfernen wir uns ein Stück weiter von dem, was unser Körper uns eigentlich mitteilen möchte.
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*) Die Kunst des Beobachtens: 131 kleine Übungen, um die Welt mit neuen Augen zu sehen. 2019.
Wir schauen auf unterschiedliche Weise: im Autopilot oder ganz bewusst und gezielt. Wir können eine vollere Wahrnehmung erreichen wenn wir Orte und Situationen aufsuchen, die uns aus unseren täglichen Routinen und ungefragten Gedankenströmen herausführen – und das tut auch unserem Gehirn und unserer Stimmung gut.
Als meine Partnerin und ich vor einigen Jahren mit unserem Pferd Lucky im Wald spazieren gingen, blieb sie eines Tages plötzlich stehen und blickte aufmerksam auf eine Stelle etwa zwanzig Meter rechts von ihr. Nach ein paar Sekunden erkannten wir, was sie entdeckt hatte: Eine rote Plastiktüte lag im Gras und bewegte sich leicht im Wind. Zuvor war sie einfach weitergelaufen, scheinbar ohne auf irgendetwas zu achten. Sie kannte den Weg, war an vorbeifahrende Fahrräder und Autos gewöhnt und blickte normalerweise weder nach links noch nach rechts.
Alles, was bis dahin über ihre Augen zu ihr gelangte, war vertraut und ungefährlich. Unablässig prüfte sie, ob das, was sie wahrnahm, in ihr bereits bekanntes Bild passte. Und plötzlich sah sie etwas, das nicht dazugehörte – und das musste sie genauer untersuchen. Erst als ihr klar wurde, dass die rote Plastiktüte keine Gefahr darstellte, ging Lucky weiter.
So funktioniert es auch beim Menschen: Wir nehmen oft vor allem das wahr, was von unseren Erwartungen abweicht. Zum Glück arbeiten bei uns beiden Gehirnhälften zusammen, was bei Pferden nicht so ist. Denn auf dem Rückweg blieb Lucky erneut abrupt stehen – diesmal, weil sie links von sich etwas sah. Es war dieselbe Tüte. Doch dass sie diese eine halbe Stunde zuvor bereits als harmlos eingeordnet hatte, „wusste“ die andere Gehirnhälfte offenbar nicht.
Zielgerichtet
Oft schauen wir nicht im „Stand-by-Modus“, sondern richten unseren Blick auf das, was in dem Moment für uns relevant ist. Denken wir an ein Fußballstadion: Dort zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen schauen können. Die echten Fußballliebhaber verfolgen vor allem den Spielverlauf, die Positionen, die Taktik und die Technik. Fans konzentrieren sich auf ihre eigene Mannschaft und versuchen mit ihren Blicken förmlich, den Ball ins gegnerische Tor zu tragen. Schiedsrichter, Trainer, Platzwart und Fotograf – sie alle achten auf etwas anderes. Und die Eltern eines debutierenden Stürmers sehen natürlich vor allem die Aktionen ihres eigenen Kindes und behalten dabei auch den robusten Verteidiger der gegnerischen Mannschaft im Auge, der ihren Sohn schon nach wenigen Minuten beinahe zu Boden gebracht hätte.
In neuen oder unerwarteten Situationen sind wir besonders wachsam. Unbewusst achten wir meist auf zwei Dinge: Gibt es etwas zu befürchten – oder gibt es etwas zu gewinnen? Wir sind erstaunlich gut darin, unsere Umgebung in kürzester Zeit darauf zu scannen. Achten Sie einmal darauf, wie Sie einen Raum betreten – etwa bei einem Besuch oder in einem Besprechungsraum. In weniger als einer Sekunde nehmen Sie wahr, wer anwesend ist, ob jemand darunter ist, dem Sie lieber aus dem Weg gehen, oder ob Sie sich freuen, weil Sie eine bestimmte Person sehen. Auf einem Markt lassen wir den Blick über das Angebot schweifen. Wer alleinstehend ist, achtet oft zuerst darauf, ob ein potenzieller Partner oder eine potenzielle Partnerin anwesend ist. Unsere Aufmerksamkeit – unser Blick – richtet sich auf das, was für uns persönlich von Bedeutung ist.
Wenn unsere Aufmerksamkeit im „Stand-by“ ist, folgt sie meist den Assoziationen, die sich aus dem Wahrgenommenen ergeben – oder schweift sogar zu ganz anderen Gedanken ab. Doch wir können auch den Entschluss fassen um bewuster wahr zu nehmen. Rob Walker hat ein Buch über die Kunst der Wahrnehmung geschrieben und darin 131 mögliche Experimente beschrieben. Man kann sich zum Beispiel vornehmen, bei einem Spaziergang nur auf Farben zu achten oder zu zählen, wie viele Überwachungskameras es gibt – einfach, um aus der Stand-by Situation auszubrechen. Allein über verschiedene Arten des Sehens enthält sein Buch rund sechzig Seiten voller Ideen.
Früher, in meiner Kindheit, war der Sonntagnachmittag immer Spazierzeit. Einmal gingen mein Vater, mein Bruder und ich durch Amsterdam und ließen an jeder Straßenecke das Los entscheiden, ob wir nach links, rechts oder geradeaus gehen sollten. So gelangten wir in Straßen und Viertel, die wir sonst nie entdeckt hätten.
Ein anderes Mal ließ ich mich auf einer nächtlichen Rückfahrt in Saint-Flour in Frankreich von der Position des Sekundenzeigers leiten welche Weg ich nehmen würde. Als ich auf meinen Uhr schaute stand der Sekundenzeiger zwischen 0 und 30, als ich ging nach Rechtshin für mich unbekannte Strecke. Im Nachhinein war das keine gute Idee: unzählige Kurven, ein fast leerer Tank, verlassene Dörfer und ein Gewitter. Es muss eine wunderschöne Landschaft gewesen sein – gesehen haben wir allerdings nichts. Bewusster schauen gelernt habe ich dadurch nicht, aber sehr müde bin ich geworden.
Fragen
Anfang dieses Jahres musste ich mehrmals pro Woche zu einem bestimmten Ort in der Stadt und bin jedes Mal einen anderen Weg gegangen. Irgendwann begann ich, bewusst in die Häuser zu schauen. Dabei stellte ich fest, dass in einer Straße von 86 Häusern nur in sieben die Esstische direkt am Fenster standen; in den übrigen befanden sie sich weiter hinten im Raum. Ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegen könnte – vielleicht an der Nähe zur Küche? Außerdem entdeckte ich drei Kochinseln, und an jeder stand eine Frau bei der Arbeit. Auch das warf wieder neue Fragen auf.
Der niederländische Neuropsychologe Scherder wäre vermutlich zufrieden gewesen: in Bewegung bleiben und zugleich der menschlichen Neugier Raum geben – das nährt den Geist und fördert seine Gesundheit.
In ein paar Wochen mehr zum Thema Sehen – zum Beispiel über das Sehen als Quelle visuellen Genusses.
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*) Die Kunst des Beobachtens: 131 kleine Übungen, um die Welt mit neuen Augen zu sehen. 2019.
Die Geschichte von gestern über den Spaziergang habe ich aufgeschrieben, weil ich in letzter Zeit genauer darauf geachtet habe, was in solchen Situationen eigentlich passiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass mich eine solche Begegnung für kurze Zeit davon abhält, einfach weiterzugehen und die Umgebung zu genießen.
Es wirkt, als spiele sich das alles vor allem in der Welt der Gedanken ab. Doch mir ist klar geworden, dass die Grundlage vielmehr in körperlichen Mechanismen liegt, die sich über Tausende oder sogar Millionen von Jahren entwickelt haben. Mechanismen, die letztlich dem Schutz des Organismus dienen. Dieser Schutz funktioniert so, dass der Körper in vielen Situationen automatisch und nach festen Mustern reagiert – ganz ohne bewusstes Nachdenken.
Was mich beim Lesen darüber besonders überrascht hat *) ist die These, dass das, was wir als Emotion empfinden, eine Art Übersetzung oder Spiegelung dessen ist, was im Körper geschieht. Wissenschaftler verwenden den Begriff „Emotion“ dabei meist für die körperliche Reaktion auf ein Ereignis und sagen, dass daraus anschließend ein Gefühl entsteht. Dieses Gefühl wird im Gehirn gebildet.
Kommen wir nun zurück zu dem Spaziergang. Im Folgenden beschreibe ich, was nach Ansicht von Fachleuten tatsächlich passiert.
Reaktion auf einen großen Mann mit einem furchteinflößenden Hund
Ich gehe also auf dem Weg und sehe plötzlich etwa 50 Meter vor mir jemanden: diesen fast zwei Meter großen Mann im kurzärmeligen T-Shirt – und einen ebenso einschüchternden Hund. Zunächst wird das Ganze von meinen Augen registriert. Dort werden Lichtreize in Signale umgewandelt, die an verschiedene Bereiche des Gehirns weitergeleitet werden.
Eine der ersten Stationen ist die Amygdala. In ihr befindet sich gewissermaßen eine Datenbank von Situationen, die als gefährlich eingestuft werden. Bei mir wird die Annäherung dieses Mannes vermutlich als potenzielle Gefahr bewertet. Daraufhin werden andere Hirnareale alarmiert – und das geschieht extrem schnell: innerhalb von etwa 0,2 Sekunden, nachdem die Person in mein Blickfeld geraten ist.
Danach laufen drei Prozesse ab:
Die Muskeln verändern sich und werden auf eine mögliche Handlung vorbereitet.
Im Gehirn werden Botenstoffe freigesetzt, die zum Beispiel die Durchblutung regulieren.
Auch in den Organen (etwa im Darm) können Veränderungen auftreten; zudem verändern sich autonome Funktionen wie Hautleitfähigkeit, Pupillengröße und Herzfrequenz.
Noch bevor ich es bewusst wahrnehme – denn das geschieht frühestens nach etwa 0,5 Sekunden – hat sich mein Körper bereits auf die Handlung vorbereitet, den Weg zu verlassen und die Straße zu überqueren. Erst dann nehme ich ein leichtes Angstgefühl wahr und sage mir: „Ich gehe besser auf die andere Seite.“ Doch in dem Moment, in dem ich das denke oder ausspreche, hat mein Körper die notwendige Bewegung längst eingeleitet.
Reaktion auf unbedrohliche Fremde
Wenn mir andere Menschen begegnen und die unbewusste Gefahrenprüfung negativ ausfällt (also keine Gefahr besteht), ist es gut möglich, dass ich davon gar nichts bewusst mitbekomme. Allein die Tatsache, dass jemand auf mich zukommt, bedeutet jedoch, dass eine Form der Begegnung bevorsteht.
Auch dann passiert im Körper einiges – allerdings weniger intensiv als im Fall des bedrohlich wirkenden Mannes. Es entsteht eine abwartende Aufmerksamkeit: eine leichte Form von Erregung (in der Fachliteratur „Arousal“ genannt), die ich wahrscheinlich gar nicht bewusst wahrnehme.
Wenn ich zuvor noch entspannt die Bäume, Häuser und Gärten betrachtet und den Vögeln zugehört habe, stelle ich dennoch fest, dass diese unbeschwerte Wahrnehmung unterbrochen wird.
Dieses Eins-zu-eins-Aneinander-Vorbeigehen ist nämlich gar nicht so einfach. Wenn ich mich in der großen Halle des Bahnhofs in Utrecht bewege, gehe ich einfach im Strom der Menschen mit – es gibt keine besondere Entscheidung zu treffen.
Doch auf diesem schmalen Spazierweg, auf dem mir nur eine einzelne Person entgegenkommt, gibt es keinen Strom, in dem ich aufgehen kann. Es wird zu einer individuellen Entscheidung. In so einem Moment denke ich auch kaum über komplexe Dinge nach – meine Einkäufe kann ich später noch planen.
Stattdessen frage ich mich, ob es schon Zeit ist, mich für die rechte oder linke Seite des Weges zu entscheiden – oder vielleicht doch auf den anderen Randstreifen auszuweichen. Dabei ist mir nicht bewusst, dass mein Körper diese Entscheidung selbst trifft, sobald der Moment gekommen ist.
Die Spannung steigt leicht, je näher die andere Person kommt. Und plötzlich merke ich, dass der entgegenkommende Spaziergänger ein wenig nach links oder rechts ausgewichen ist – oder dass ich selbst nicht mehr in der Mitte des Weges gehe. Na also, so schwierig war das gar nicht – es ist einfach passiert.
Es bleibt noch einen Moment spannend
Ganz verschwunden ist die Spannung jedoch noch nicht, denn nun rückt der Moment des Grüßens näher. Wenn ich sehe, dass mein Gegenüber den Kopf ebenfalls in meine Richtung dreht, ich dann grüße und eine passende Antwort zurückkommt, dann ist die „Operation“ gelungen.
Es ist eine kurze Bestätigung meiner Existenz und meiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Nach dieser gelungenen sozialen Interaktion wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, was ein kurzes angenehmes Gefühl erzeugt. Gleichzeitig sinkt der leicht erhöhte Adrenalinspiegel wieder auf das Ausgangsniveau zurück – also auf den Zustand, bevor mir die andere Person begegnet ist.
All das geschieht innerhalb von etwa dreißig Sekunden während eines Spaziergangs.
Emotionen spielen den ganzen Tag über eine große Rolle. Wir bemerken es kaum, und doch werden wir ständig von ihnen beeinflusst. In dieser Reihe ist dazu sicher noch nicht das letzte Wort gesagt.
Ich gehe gern spazieren und verbinde das manchmal mit den täglichen Einkäufen. Es ist eine Strecke von etwas mehr als einer halben Stunde. Sehr angenehm ist sie vor allem dann, wenn ich die belebten Straßen meide: Man läuft durch ein grünes Wohngebiet mit vielen Bäumen und kann einen großen Teil des Jahres Vogelstimmen hören – wie ein Orchester, das einen wie eine Wolke umgibt.
Ein Abschnitt der Route führt durch eine sehr ruhige Straße, auf beiden Seiten gesäumt von Grünstreifen, dahinter jeweils ein schmaler Gehweg. Manchmal gehe ich einfach auf der Straße, öfters jedoch auf dem Gehweg. Gelegentlich begegnet mir dort niemand, häufiger aber kommt mir ein anderer Spaziergänger entgegen.
Entgegenkommende
Dann tauchen bei mir eine Reihe ganz praktischer Fragen auf: • Bleiben wir beide auf dem Gehweg, oder weicht einer von uns auf die Straße aus? • Falls wir beide auf dem Gehweg bleiben: Auf welcher Seite gehen wir aneinander vorbei? • Treffen wir Vorkehrungen, um genügend Abstand zu halten – sei es aus Rücksicht auf die persönliche Sphäre oder aus gesundheitlichen Gründen? • Und unabhängig davon: Grüßen wir uns überhaupt? • Bei all diesen Fragen geht es um Initiative, Timing und Entscheidung.
Die Spur wechseln?
Zuerst gibt es den Moment, in dem ich jemanden wahrnehme, der mir entgegenkommt. Meist erkenne ich schnell, ob es sich um eine bekannte Person handelt – oder ob es andere Gründe gibt, warum ich lieber Nähe vermeiden oder gerade suchen würde.
So kann ich mir gut vorstellen, dass die Silhouette eines zwei Meter großen, muskulösen Mannes im ärmellosen T-Shirt, der einen bedrohlich wirkenden, knurrenden Hund vor sich herführt, ausreicht, um möglichst rasch den Gehweg zu verlassen und die Straßenseite zu wechseln. Die Distanz wäre dann so groß, dass ein Gruß kaum noch naheliegt.
Oder da kommt ein älteres Ehepaar, eng miteinander eingehakt – für einen kurzen Moment müssten sie dann auf dieses Symbol ihrer lebenslangen Verbundenheit verzichten. Auch wenn absehbar ist, dass der Rhythmus des Gehens ins Stocken gerät, liegt es nahe, dass ich die Initiative ergreife und den Gehweg verlasse.
Manchmal habe ich Glück, und mein Gegenüber weicht schon aus einiger Entfernung aus, um mir Platz zu machen. Dann bemühe ich mich besonders um einen freundlichen Gruß, wenn wir – getrennt durch den Grünstreifen – aneinander vorbeigehen.
Die Begegnung
In anderen Fällen jedoch gehen sowohl der andere als auch ich mitten auf dem Gehweg. Das kann natürlich nicht so bleiben, sonst kommt es zum Zusammenstoss. Für mich stellt sich dann die große Frage: Wann entscheide ich mich für eine Seite – oder wie lange warte ich, bis mein Gegenüber eine Entscheidung trifft?
Dabei gehen mir Gedanken durch den Kopf über wer dann der Stärkere ist: Ist es derjenige, der am längsten wartet und damit den Raum für sich beansprucht – vielleicht sogar mit der Haltung: Ich weiche nicht aus? Oder ist es derjenige, der zuerst entscheidet und damit vorgibt, wohin der andere ausweichen muss?
Ich bin mir darüber noch nicht ganz im Klaren. Ich selber gehöre jedenfalls zu denen, die möglichst früh deutlich machen, auf welcher Seite sie gehen werden.
Eine ähnliche Situation entsteht, wenn man einander nicht bequem oder mit ausreichend Abstand passieren kann und eine Person kurz in eine improvisierte „Parklücke“ zwischen zwei Sträuchern ausweichen muss. Auch hier gehöre ich zu denen, die frühzeitig signalisieren, dass sie einen Schritt zur Seite machen. So kann ich selbst bestimmen, welchen Abstand ich einhalten möchte.
Und dann noch das Grüßen
Ich finde es angenehm, unterwegs Menschen zu grüßen – und noch schöner, wenn der Gruß erwidert wird. Doch auch hier stellt sich zunächst die Frage: Wann schaue ich mein Gegenüber an?
Wenn ich jemanden schon aus zehn Metern Entfernung ansehe und er noch nicht grüßt, wirkt das schnell wie ein Anstarren. Beginnt man dagegen zu früh mit dem Grüßen, vergeht danach noch eine Weile, in der man bereits wegsieht, obwohl man sich noch fast direkt gegenübersteht – auch das fühlt sich seltsam an.
Ich denke, zwei bis drei Sekunden be man aneinander vorbei geht, ist ideal. Das gibt genug Zeit, sich wirklich kurz anzusehen und einen gegenseitigen Gruß auszutauschen.
Und dann freue ich mich über den erwiderten Gruß – besonders, wenn er von einem Lächeln begleitet wird. Danach gehe ich weiter, schaue mich wieder um und höre den Vögeln zu.
Im Körper
Alles was ich hier beschrieben habe spielt sich in ganz kurzer Zeit ab. Im zweiten Teil dieser Geschichte, im nächsten Blog, werde ich etwas erzählen über was sich bei solche Begegnungen alles im Körper abspielt.
ÜBER DEN TASTSINN Der Tastsinn ist vermutlich der erste Sinn, der sich in der Entwicklung lebender Organismen herausgebildet hat. Er ermöglicht es einem Lebewesen, seine eigenen Grenzen wahrzunehmen. Ohne solche Grenzen gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Organismus und dem gesamten Kosmos – kein individuelles Wesen. *) So entsteht auf der einen Seite ein eigenständiges Wesen und auf der anderen Seite seine Umwelt.
Mit Hilfe des Tastsinns kann ein Organismus spüren, wann er nicht weiterkommt oder wenn ein bewegliches Objekt versucht, seinen Platz einzunehmen. Man sieht das gut an der Reaktion einer Schnecke, wenn man sie mit einem Stöckchen berührt. Schon Einzeller reagieren auf Berührung. In diesem Beitrag geht es darum, was der Tastsinn für uns Menschen bedeutet – beginnend mit Doktor Eijsenga.
Doktor Eijsenga Als ich in Scheveningen lebte, war Doktor Eijsenga mein anthroposophischer Hausarzt. Wenn ich zu ihm in die Sprechstunde kam, streckte er mir die Hand entgegen – aber eigentlich tat er nichts damit: kein fester Händedruck, nicht einmal ein normaler Händedruck, sondern einfach eine ausgestreckte, ruhige, fast schlaffe Hand.
Ich vermute, dass dies bereits der erste Schritt seiner Diagnose war. Noch bevor man etwas sagte, wusste er vermutlich schon, ob etwas nicht stimmte – allein durch das, was er bei der Berührung wahrnahm. Natürlich gaben ihm auch Körperhaltung, Blick und Stimme bei der Begrüßung wichtige Hinweise. Er ging allerdings nicht so weit, gleich ohne Gespräch ein Rezept auszustellen – obwohl er es vielleicht gekonnt hätte.
Professionelles Fühlen Wenn meine Vermutung stimmt, nutzte Doktor Eijsenga seinen Tastsinn ganz bewusst als Werkzeug in seinem Beruf. Da er das wahrscheinlich täglich viele Male tat, über Jahre hinweg, wurde es vermutlich zu einer Art Routine: Er begrüßte einen ganz normal und schenkte einem seine Aufmerksamkeit – und gleichzeitig nahm er fast automatisch wahr, ob etwas auffällig war.
Vielleicht wurden die Informationen, die seine Hände aufnahmen, auch ganz selbstverständlich Teil des Gesamtbildes, das er sich vom Patienten machte – gewissermaßen ein „Gedächtnisprotokoll“.
Meine Partnerin ist Physiotherapeutin und arbeitet unter anderem mit sogenannten rhythmischen Massagen. „Meine Hände sind meine Augen“, sagt sie. Mit ihnen „sieht“ sie, was im Körper vor sich geht, und kann oft allein durch ihre Berührung Prozesse in die richtige Richtung lenken.
Ihre Hände haben gelernt, feinste Unterschiede wahrzunehmen. Mit Erfahrung und Intuition kann sie diese deuten – und gleichzeitig können ihre Behandlungen die Beschwerden ihrer Patienten lindern.
Tastnerven Es ist kein Zufall, dass ich mich hier auf die Hände konzentriere. Zusammen mit den Lippen und den Geschlechtsorganen sind sie besonders reich an Tastnerven – vor allem die Fingerspitzen.
Das ist zum Beispiel für blinde Menschen wichtig, die Brailleschrift lesen: Die Punkte können sehr dicht beieinander liegen und trotzdem unterschieden werden. An anderen Stellen des Körpers liegen die Rezeptoren so weit auseinander, dass man den Unterschied zwischen einem und zwei feinen Stichen mit einer Nadel im Abstand von zwei Zentimetern kaum wahrnimmt – etwa am Rücken.
Bei Massagen und Heilmethoden wie Reiki, Touch for Health oder Quantum Touch wird jedoch die ganze Hand eingesetzt. Interessant ist dabei, dass die Hand nicht nur zum Wahrnehmen dient, sondern auch beim Gegenüber etwas auslösen kann.
Das kann Wärme sein oder eine Bewegung in Haut und Muskeln. Aber auch ohne sichtbare Bewegung – sogar auf Abstand – können Empfindungen entstehen: ein Kribbeln, ein Prickeln und Ähnliches. Die Anwender solcher Methoden sprechen oft von einem Austausch von Energie. Darauf komme ich später noch zurück.
Oft setzen wir unseren Tastsinn ganz gezielt ein. Der Arzt, der die Stirn eines Patienten fühlt. Der Handwerker, der prüft, ob er noch weiter schleifen muss. Das Drücken einer Avocado, um festzustellen, ob sie reif ist. Das Testen der Badetemperatur für ein Baby mit dem Ellbogen. Oder das kurze Eindrücken eines Fahrradreifens, um zu prüfen, ob noch genug Luft drin ist.
Angenehmes Fühlen Aber wir kennen natürlich auch das Fühlen um seiner selbst willen – einfach, weil es angenehm ist.
Meine Großmutter nahm mich manchmal auf den Schoß und strich sanft über meinen Handrücken. Dabei sagte sie: „Schönes Gefühl, schönes Gefühl, schönes gefiebel-gefabbel-Gefühl.“ Ich weiß nicht mehr, ob sie damit ausdrücken wollte, was ich empfinden sollte, oder was sie selbst fühlte – aber es ist mir im Gedächtnis geblieben.
Früher wurde über Fühlen und Gefühle nicht viel gesprochen – zumindest nicht in meiner Familie. Und in der Schule hatte das Wort „fühlen“ unter Jungen oft einen peinlichen oder heimlichen Beigeschmack und wurde eher belächelt: „Fühlen ist schmutzig – und schmutzig fühlen ist schön.“
Heute ist das ganz anders. Whirlpools, Saunen, Massagen – eine ganze Wellness-Industrie ist entstanden, mit unzähligen Cremes und Anwendungen, alles ausgerichtet auf Wohlbefinden („danach fühlt man sich wie neu geboren und ist wieder bereit, in der Gesellschaft noch besser zu funktionieren“ – eine schöne Rechtfertigung für all den Luxus).
Es gibt unzählige Bücher, Kurse und Filme über sinnlichen Genuss. Und dann ist da noch die wohl größte „Völkerwanderung“ unserer Zeit: Jedes Jahr reisen Millionen Menschen – mit einer kurzen Corona-Unterbrechung – in den Süden, um die Sonne auf ihrer Haut zu genießen.
Und zwischendurch das Meer: ein Gefühl, das uns vielleicht daran erinnert, dass unsere Vorfahren vor Hunderten Millionen Jahren im Wasser lebten.
Warnung Zum Schluss noch eine kleine Warnung: Der Tastsinn funktioniert bei hoher Geschwindigkeit nicht besonders gut.
Als ich etwa sieben Jahre alt war, rannte ich einmal in der Bilderdijkstraat in Amsterdam herum. Ich dachte: Wenn ich die Augen schließe, kann ich vielleicht noch schneller laufen. Es fühlte sich großartig an – bis ich mit der Stirn gegen eine Schaufensterscheibe von Vroom & Dreesmann prallte.
Zu Hause wurde ich von meiner besorgten Mutter – mit Unterstützung der Nachbarin – versorgt. Auf meiner Stirn hatte sich eine ordentliche Beule gebildet. Am Abend stellte sich heraus, dass auch die Schaufensterscheibe nicht unversehrt geblieben war.
Viele Jahre später bin ich noch einmal mit geschlossenen Augen über eine Wiese gelaufen. Es ist ein wunderbares Gefühl, das ich jedem empfehlen kann – aber diesmal lief jemand neben mir her, hielt meine Hand und behielt für mich den Überblick.
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*) In dem anthroposophischen Buch Die zwölf Sinne: Tore der Seele von Albert Soesman (2007) beginnt der Autor mit dem Tastsinn. Er erzählt „eine alte Geschichte“: dass wir einst eins mit dem Kosmos waren, uns dann davon getrennt haben – und dass alles menschliche Streben letztlich darauf abzielt, wieder an das Tor zurückzukehren, aus dem wir einst hinausgegangen sind.
Unser Gedächtnis ist eine große Sammlung von Eindrücken, Fakten, Gedanken und Gefühlen, die zusammen unser Bild von der Welt formen – von der Vergangenheit und der Gegenwart, aber auch von dem, was noch kommt. Diese Eindrücke, Fakten, Gedanken und Gefühle sind miteinander verbunden; nur so entsteht dieses Gesamtbild.
Ein Haus mit Schmetterlingsstrauch
Wenn ich an ein Haus denke – was ein Haus ist, wusste ich schon sehr früh: Es hatte eine Haustür, daneben ein Fenster, ein schräges Dach und aus dem Schornstein stieg Rauch auf; später begriff ich, dass Häuser auch ganz anders aussehen können – dann könnte mir zum Beispiel jenes kleine alte Haus in den Sinn kommen, in dem ich 1975 lebte.
Sofort denke ich dann an die Person, mit der ich dort wohnte, meine erste Ehefrau, und an unsere Beziehung. Mir fällt die niedrige Küchentür ein, an der ich mir jeden Tag den Kopf stieß, der Streit mit dem grimmigen Nachbarn und mit dem Kneipenwirt um die Ecke. Ich denke an meine älteste Tochter, die damals geboren wurde, und an den sonnigen Garten mit dem Schmetterlingsstrauch.
Und daran, wie meine damals einjährige Tochter im Garten auf dem Töpfchen saß, einen Schmetterling aus der Luft griff und ihn in den Mund steckte.
All diese Verbindungen tauchen ganz von selbst in einem Bruchteil einer Sekunde auf. Das Gehirn verknüpft das eine mit dem anderen – in einem unbewussten Prozess – und präsentiert uns in verständlichen Bildern das, was es für die wichtigsten Ergebnisse dieses Prozesses hält.
Doch das ist noch nicht alles. Denn gegenüber befand sich ein Spirituosengeschäft mit angeschlossenem Pfannkuchenhaus. Und schon springen die Gedanken zu einem anderen Pfannkuchenhaus: Panneland in den Dünen. Dort war ich vor zwanzig Jahren bei einem Betriebsausflug. Und genau diese Kollegen sehe ich in zwei Wochen wieder. Ich muss ihnen noch eine Erinnerung für das Treffen schicken. Aber eigentlich muss ich auch noch einen kleinen Bericht für den Chor schreiben. Doch zuerst muss dieser Blog fertig werden.
Und so geht das immer weiter.
Der Assoziationszug
Dieser dahinplätschernde Denkprozess, der uns ständig neue Gedanken und Erinnerungen präsentiert, ist bei jedem Menschen vorhanden. Unterbrochen wird er erst, wenn wir etwas tun müssen – Denkarbeit oder eine andere Tätigkeit –, die unsere volle Aufmerksamkeit erfordert.
Wenn man zum Beispiel ausrechnen möchte, wie viel 70× 46 ist, gelingt das den meisten Menschen nicht ohne einen Moment konzentrierter Aufmerksamkeit. In diesem Moment ist im Kopf kein Platz für andere Dinge.
Bis dahin befindet man sich jedoch in dem, was ich – nicht als Einziger – den Assoziationszug nenne, der scheinbar ziellos weiterrollt. Themen, die bei mir darin häufig vorbeikommen, sind zum Beispiel die Gespräche von gestern, etwas, das vor fünf Jahren schiefgelaufen ist, all die Dinge, die im Haus oder für den Chor noch erledigt werden müssen, was ich einem Freund noch sagen wollte, warum das Geld schon wieder knapp ist oder weshalb mein Schrittzähler heute so wenig anzeigt.
Der Assoziationszug ist kostenlos. Einsteigen geschieht, ohne dass man es merkt. Aussteigen dagegen ist oft schwierig – ein bisschen wie im Hotel California. Man dreht sich im Kreis und kommt immer wieder auf den selben Punkt zurück.
Lieber faul als erschöpft
Assoziatives Denken ist mühelos, schnell und kann eine enorme Menge an Signalen zu für uns verständlicher Information verarbeiten. Die meisten Berichte, die man liest oder hört, verlangen deshalb keine bewusste Denkarbeit.
Wenn man jedoch hört, dass morgen keine Züge fahren, denkt man kurz darüber nach, was man eigentlich für morgen geplant hatte und ob man seine Pläne ändern muss. Das erfordert eine bewusste Denkhandlung. Den Rest der Nachrichten bekommt man in diesem Moment gar nicht mehr mit.
Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman hat darüber bereits vor einiger Zeit ein Buch geschrieben*), in dem er das assoziative Denken „System-1-Denken“ nennt. Das eigentliche Nachdenken, für das man sich sprichwörtlich erst einmal hinsetzen muss, nennt er „System-2-Denken“.
Das Buch erschien 2011 und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke, die Psychologiestudenten unbedingt gelesen haben sollten. Der Grund dafür ist vor allem, dass das System-1-Denken zwar schnell ist, aber auch oberflächlich und oft zu falschen Schlüssen führt – zu Aussagen also, über die man eigentlich erst einmal bewusst hätte nachdenken sollen. Dass wir das selten bemerken, liegt daran, dass System-2-Denken Anstrengung kostet – und wir Menschen nun einmal lieber faul als erschöpft sind.
Das Buch fasst die Ergebnisse von Hunderten Studien zusammen. In einem nächsten Blog erzähle ich gern noch ein paar interessante und unterhaltsame Beispiele daraus.
Die Gedanken von Georgina
Zum Abschluss für heute noch ein Ausschnitt aus einer Kolumne von Georgina Verbaan **). Sie beschreibt auf ihre eigene Weise Erlebnisse aus diesem Assoziationszug.
„Vor etwa fünf Jahren sah ich einen alten Mann an der Straßenbahnhaltestelle stehen. Oder besser gesagt: Eigentlich war mir noch gar nicht bewusst, dass ich diesen alten Mann ansah. Meine Augen standen vermutlich im Stand-by-Modus – eingeschaltet nur, um herannahendes Unheil zu registrieren: wilde Tiere, Menschen mit mangelnder Selbstbeherrschung (also im Grunde ebenfalls wilde Tiere), außer Kontrolle geratene Fahrzeuge oder Naturkatastrophen.
Währenddessen drehte mein Gehirn seine gewohnten Kreise, ohne dass ich – wer auch immer dieses ‚Ich‘ sein mag – etwas davon bemerkte.
Herrlich ist das. Einfach kurz ein halb abgeschaltetes System sein, das ein wenig durch seine Dateien blättert und im Kühlmodus noch etwas zusätzlichen Sauerstoff durch längst vollständig oxidierte Gedanken bläst.
Ärgerlich wird es nur dann, wenn das Bewusstsein nicht richtig ausgeschaltet ist und man hören kann, welche dummen, unangenehmen oder völlig zufälligen Gedankenreihen dort heruntergeleiert werden. Oder wenn das Gehirn sehr genau Buch darüber führt, was man alles noch erledigen muss – während man selbst das gerade so angenehm vergessen hatte.
Von außen wirkt ein halb abgeschalteter, denkender Mensch geheimnisvoll und tiefsinnig. In Wirklichkeit sucht so ein System oft nur nach dem Ort, an dem zuletzt die blaue Socke mit dem Loch im Zeh gesehen wurde (HINTER DEM STAPEL WARTENDER BÜCHER NEBEN DEM BETT!), oder es sucht wie ein Roboter mit nur einer Aufgabe nach neuen Haken, an denen sich alte Sorgen wieder aufhängen lassen.“
*) Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow (2011). In deutscher Übersetzung: Schnelles Denken, langsames Denken.
**) „Das System“ – Kolumne von Georgina Verbaan in der Volkskrant, 9. August 2019.
Diesmal etwas ganz anderes. Wir haben bereits neun Folgen hinter uns. Diese handelten davon, was im Inneren des Menschen geschieht. Es gibt einerseits eine Außenwelt und andererseits drei „eigene“ Welten: die des Wahrnehmens, des Fühlens und des Denkens. Diese drei Welten werden für jeden Menschen anders aussehen, aber dennoch einige gemeinsame Eigenschaften haben. Heute geht es um das große Ganze, von dem wir ein Teil sind.
Das Große Ganze umfasst die Sonne, die Erde und den Sternenhimmel, den wir sehen können, und alles, was darüber hinaus liegt – bis hin zum entferntesten Stern. Aber es reicht auch bis in die kleinsten Bestandteile eines Atoms und alles, was darüber hinaus existiert, wovon wir jedoch keine Kenntnis haben.
Dank der Neugier des Menschen (sind sie nicht ermüdend diese drei- oder vierjährigen Kinder, die den ganzen Tag nur fragen: warum? warum? warum? – es steckt schon früh in uns) wird sehr viel Energie in die Erforschung des Weltraums gesteckt – je weiter, desto besser – und in die Frage, wie alles entstanden sein könnte. Andere wiederum beschäftigen sich mit den kleinsten Teilchen.
Märchen
Professor Robbert Dijkgraaf, damals Direktor des renommierten Institute for Advanced Study in Princeton, erhielt vor einigen Jahren im holländischen Fernsehen eine ganze Stunde in der besten Sendezeit, um zu erklären, wie das mit dem Big Bang eigentlich gewesen sei. Ich war neugierig, doch meine Enttäuschung war groß, als er erzählte, dass er über die ersten 300 Millionen Jahre nach dem Urknall (und damit auch über den Big Bang selbst) nichts sagen könne.
Inzwischen ist er sogar Minister für Hochschulbildung geworden, und Wissenschaftler stellen inzwischen fest, dass es viel weiter entfernt (und somit auch weiter zurück in der Zeit) dicke Galaxien gibt, die man dort so „kurz“ nach dem angenommenen Big Bang gar nicht erwartet hatte. Und vielleicht läuft es am Ende darauf hinaus, dass der Big Bang ein Märchen war.
Wir glauben immer wieder an neue Märchen. In den vergangenen Jahren wurden auch Annahmen über die maximale Geschwindigkeit im Weltraum (die Annahme war, dass es keine Geschwindigkeit für Objekte gibt, schneller als das Licht; aber die äußersten Sterne entfernen sich dennoch schneller als das Licht – und dann sehen wir sie nie wieder); und über dunkle Materie (vielleicht eine falsche Berechnung) zunehmend infrage gestellt.
Es gibt also vieles, was wir nicht wissen. Bill Bryson schrieb 2011 in seinem Buch Eine kurze Geschichte von fast allem: „Am Ende läuft es darauf hinaus, dass wir in einem Universum leben, dessen Alter wir nicht berechnen können, umgeben von Sternen, von denen wir absolut nicht wissen, wie weit sie entfernt sind, das mit Materie gefüllt ist, die wir nicht identifizieren können, und das nach Naturgesetzen funktioniert, deren Eigenschaften wir nicht wirklich verstehen.“
In den letzten Jahren hat die Wissenschaft viele neue Erkenntnisse gewonnen, und häufiger als früher hört man, dass die Fakten wohl ganz anders liegen müssen, als man lange angenommen hat.
Die kleinsten Teilchen Nicht nur Dinge, die sehr weit entfernt sind – gerade auch die allerkleinsten Teilchen, die entdeckt wurden, gehören zum Großen Ganzen. Mehr noch: Auf ihnen ist letztlich die gesamte Materie aufgebaut. Doch auch auf dieser Ebene sind noch längst nicht alle Rätsel gelöst.
Es kursieren faszinierende Geschichten über Quantenteilchen, die gleichzeitig positiv und negativ sein können und sich sogar zur selben Zeit an verschiedenen Orten befinden. Man denkt bereits über mögliche kommerzielle Anwendungen nach. Ich würde dazu gern etwas Grundsätzliches sagen, komme im Moment aber nicht über Folgendes hinaus: Wenn diese Erkenntnisse einmal für unser tägliches Leben wirklich wichtig werden, werden wir es schon merken – und bis dahin haben wir mit dem Alltag mehr als genug zu tun.
Wer sich eine Vorstellung von unserem Platz zwischen den Grenzen des Universums und den kleinsten Teilchen machen möchte, die wir kennen, kann tief hinein und weit hinaus in die Augen dieses „smiling face“ in diesem YouTube-Video schauen: (1) https://youtube.com/watch?v=8Are9dDbW24&si=EnSIkaIECMiOmarE
Der Anfang und das Ende der Zeit Wir verfügen über ein Denkschema, das alles in einer Zeitperspektive betrachtet. Wir kennen nur eine Zeitvorstellung, die sich von einem Moment x zu einem Moment y bewegt. Dass etwas schon immer existiert hat oder für immer bestehen könnte, können wir uns kaum vorstellen. Deshalb sagen wir immer wieder: Es muss doch irgendwo einmal begonnen haben. So denke ich eigentlich auch. Aber könnten wir uns nicht auch mit der Antwort zufriedengeben: Wir wissen nichts über einen Anfang und nichts über ein Ende der Zeit?
Begeisterung Ende Dezember 2022 wurden zwei Planeten in einer Entfernung von 16 Lichtjahren entdeckt. Ich erhalte wöchentlich eine Mail von Scientias mit populärwissenschaftlichen Neuigkeiten, in der auch über diese Entdeckung berichtet wurde. Dort hieß es: „Damit befinden sich beide Planeten – deren Masse mit der der Erde vergleichbar ist – in der habitablen Zone. Das ist bereits ziemlich aufregend.“
Da frage ich mich sofort: Wann fliegen wir dorthin? Es ist allerdings ziemlich weit – das Licht braucht immerhin schon 16 Jahre, um hierher zu gelangen. Wenn jemand bei der Abreise 20 Jahre alt ist und mit halber Lichtgeschwindigkeit fliegt (was nach Ansicht von Wissenschaftlern ohnehin völlig unmöglich ist), und bei der Ankunft nur Steine vorfindet, von denen ein paar als Souvenir mitgenommen werden – vielleicht für die geliebte Person, die zu Hause wartet – und anschließend wieder zur Erde zurückkehrt, dann sind inzwischen 64 Jahre vergangen. Warum sind sie bei Scientias darüber so aufgeregt?
Wozu? Die ganze Erforschung des Weltraums und die Suche nach immer kleineren Teilchen lassen sich, so scheint mir, auf zwei Fragen zurückführen: Gibt es dort noch etwas zu gewinnen – etwas, das unser Leben angenehmer macht oder uns Vorteile bringt? Und können wir vielleicht etwas entdecken, das uns hilft, länger zu leben und Gefahren abzuwenden – nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Menschheit insgesamt?
Letzteres wird oft übersetzt mit den Worten: „Für meine Kinder und Enkelkinder.“ Dass man seinen Kindern und Enkeln alles Gute wünscht, liegt vermutlich in unseren Genen – vielleicht auch unterstützt durch die Vorstellung, dass man gewissermaßen durch seine Nachkommen weiterlebt.
Ein zweiter Punkt, der mir auffällt, ist, dass noch immer vieles als wahr angenommen wird, obwohl sich später herausstellt, dass die zugrunde liegende Annahme nicht stimmt. Vielleicht hängt das mit unserem Bedürfnis nach einem möglichst geschlossenen Bild der Wirklichkeit zusammen. Und dieses Bild bleibt immer nur ein Bild. Genau wie das, was wir sehen: nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich existiert, der zudem automatisch von unserem Geist ergänzt und eingefärbt wird. In dieses Bild passt es nicht gut, wenn wir bei vielen Dingen sagen müssten: Es ist sehr wahrscheinlich so – aber es könnte durchaus auch ganz anders sein.
Später Letztlich ist alles ständig in Bewegung – vom kleinsten Teilchen bis zu den fernsten Sternen. Das passt allerdings überhaupt nicht zu unserem menschlichen Wunsch nach Beständigkeit. Und wohin all diese Bewegungen führen, hängt am Ende oft vom Zufall ab. In einer späteren Folge werde ich auf den Einfluss des Zufalls und der statistischen Gesetze auf unser tägliches Leben (und auf den Tod) eingehen.
In ein paar Wochen folgt Teil II von Das Große Ganze, in dem wir uns natürlich mit dem pflanzlichen, tierischen und menschlichen Leben beschäftigen müssen, das uns umgibt.
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Fotobearbeitung: Johan Leo Koet
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Ich sah vergangenen Sommer im Fernsehen die Zusammenfassung eines Fußballspiels. Es war ein wunderschöner Tag, und fast alle Zuschauer trugen sommerliche Kleidung. Die Heimmannschaft lag zurück, war aber gegen Ende des Spiels gut dabei, diesen Rückstand aufzuholen. Angriff nach Angriff wurde auf das gegnerische Tor gerichtet, und man spürte, dass das erste Tor in der Luft lag. Nach einigen Versuchen ergab sich endlich diese hundertprozentige Chance. Und als der Ball dann – es war eigentlich kaum zu glauben – doch nicht seinZiel erreichte, ging ein lautes „Ooooohhhh“ durch das Stadion, und buchstäblich jeder warf in seiner Verzweiflung die Hände an den Hinterkopf. Man sah nur noch nackte Unterarme und nach oben gerichtere Ellbogen, als wäre es eine inszenierte Ballettaufführung, in vollkommener Harmonie und exakt gleichzeitig von Tausenden ausgeführt.
Und da dachte ich an die Pferde.
Reiten und Versorgen
Meine Liebste und meine jüngste Tochter hatten gemeinsam ein Pferd namens Baley, und sie fuhren täglich zum Stall. Baily starb bereits innerhalb eines Jahres nach einem Sturz auf einem zu glatten „Paddock“, doch die beiden Damen hatten Gefallen daran gefunden, und Lucky kam. Nicht viel später ließ das Interesse meiner jüngsten Tochter am Reiten und an der Pflege des Pferdes immer mehr nach, und allmählich war sie kein „Pferdemädchen“ mehr. So stand meine Liebste bei der Versorgung praktisch allein da und bat mich um Hilfe.
Gemeinsames Handeln
So kam es, dass ich gelegentlich das Pferd von der Weide holte, auf der Lucky mit vielleicht 80 anderen Pferden stand. Das fand ich ziemlich unheimlich, einfach so zwischen all diesen Tieren zu laufen. Meistens waren die Pferde sehr ruhig. Aber als sie dachten, ich sei der Stallbesitzer (rotes T-Shirt, Glatze), der gerade eine neue Grasfläche für sie öffnen würde, galoppierten sie alle gleichzeitig an mir vorbei, denn jeder wollte zuerst auf die Wiese kommen
. Es war eine beeindruckende, kraftvolle, massive Gruppe; mehr als 50.000 Kilogramm kamen auf mich zu. Ich blieb einfach stehen und winkte mit den Händen, und sie liefen ordentlich um mich herum. Vielleicht dachten sie: Wenn wir ihn umrennen, geht das Tor nicht auf. Danach hatte ich nie wieder Angst, zwischen den Pferden zu gehen.
Wenn Pferde plötzlich ein unbekanntes Geräusch hören, richten sie alle gleichzeitig ihren Blick in die Richtung, aus der es kommt, und stehen konzentriert mit gespitzen Ohren da, bis entschieden ist, dass nichts Ernstes los ist. Als Lucky einmal auf einer Weide am Waldrand stand und eine große Gruppe Hirsche vorbeikam, stoben alle Pferde gleichzeitig zur anderen Seite der Weide und rannten anschließend gemeinsam hin und her, bis die Hirsche außer Sicht waren.
Frieden
Später kam Lucky in einen anderen Stall, in eine kleinere Herde. Ich stand oft bei den Pferden, zum Beispiel nachdem ich ihnen Heu gegeben hatte. Zu mir kamen sie nie, um nach einer Karotte oder etwas anderem zu betteln, denn ich gab ihnen nie etwas anderes als Heu in ihre Futtertröge. Wenn sie aufgefressen hatten, kamen sie gern einfach dicht zu mir und standen ruhig neben mir; dann blickten wir gemeinsam über die Weide, ohne etwas voneinander zu verlangen.
Und doch gibt es in einer so friedlichen Herde stets das Potenzial für einen Machtkampf um die Frage, wer der Anführer ist. Es wird geschubst, kleine Bisse werden verteilt, und gelegentlich wird getreten. Es gibt dann einen Gewinner, und wenn das einmal feststeht – und von Zeit zu Zeit bestätigt wird –, richtet sich die ganze Herde nach der Hierarchie. Das rangniedrigere Tier weicht ruhig dem ranghöheren, auch wenn das bedeutet, den gerade gefüllten Futtertrog zu verlassen.
Pferde haben ein großes Bedürfnis beieinander zu stehen, und gehen oft hintereinander in einer Reihe über das Gelände, während sie gleichzeitig die Signale, die sie sich – natürlich nonverbal – geben, aufmerksam im Blick behalten. Und wenn wir eine Stunde mit Lucky spazieren gewesen waren, standen bei unserer Rückkehr die anderen Pferde bereits wartend da und begrüßten uns (aber ich denke vor allem Lucky) mit lautem Wiehern.
Bei den Pferden wurde ich immer sehr ruhig. Und das erleben viele Pferdeliebhaber so. Sie sind einfach gern bei den Pferden; das Reiten ist dabei nur ein Aspekt des Pferdebesitzes. Für mich ist es nicht nur angenehm – die Pferde sind für mich auch ein Vorbild. Wenn sie Futter haben, sich ausreichend bewegen können und es in der Gruppe nicht zu viel Unruhe gibt, scheint es, als genössen sie die ganze Zeit still ihr Dasein. Einfach sein.
Säugetier 2.0
Könnten wir nicht mehr wie Pferde sein? Vielleicht besteht ein wichtiger Unterschied zum Menschen darin, dass Säugetiere weniger häufig nachdenken – über gestern, über sich selbst im Verhältnis zu anderen und über die Frage, wohin sie im kommenden Sommer in Urlaub fahren werden. Eine Pferdeherde will auch nicht unbedingt besser sein als andere Herden und ist nicht besonders glücklich oder traurig, wenn sie bejubelt oder ausgelacht wird. Auch die Frage, auf wie vielen Planeten in der Milchstraße menschliches Leben möglich ist (heutzutage fast wöchentlich ein Thema in den Medien), wird sie nicht beschäftigen. Selbst all das Schreiben in diesem Blog ist für sie ohne Bedeutung. Könnte das Denken vielleicht die Quelle der Unruhe sein?
Wir sind eine Weiterentwicklung der Säugetiere („Säugetier 2.0“) mit fantastischen Fähigkeiten. Das Verhalten von Menschengruppen, etwa in einem Fußballstadion, weist viele Ähnlichkeiten mit dem Verhalten der Pferde auf, besonders wenn plötzlich Chancen oder Bedrohungen auftreten. Doch die Fähigkeit, wie die Pferde in der Herde einen Großteil des Tages gedankenlos und friedlich zu genießen, haben wir als Selbstverständlichkeit längst verloren.
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foto Jan: Mitte: Lucky, zwischen zwei von drei andere Pferde von der Herde
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Neulich hörte ich mich sagen: „Gut gemacht, Jan!“ Zum Glück war niemand in der Nähe, denn wenn ich das bemerkt hätte, hätte ich mich, glaube ich, ein wenig geschämt und zu mir selbst gesagt (aber dann ohne ein Geräusch zu machen): „Idiot, dass du so etwas laut sagst!“
Der Mensch hat ein Bewusstsein. Das bedeutet, dass jeder Mensch – bei geistiger Gesundheit – sich bewust ist von seiner Umgebung und sich selbst. Nach dem Entstehen dieses Bewusstsein in der Evolution, gab es plötzlich nicht mehr das nur handelnde Wesen, beschäftigt mit dem Überleben als Individuum, mit Schmerz und Lust. Es kam etwas hinzu, das in der Lage war, eben dieses Wesen zu betrachten. Aus dieser Position heraus entstanden Fähigkeiten wie das Erfassen dessen, was wir gerade tun, das Erkennen von Szenarien, das Schmieden von Plänen und das Bewerten der eigenen Handlungen.
Es schien, als seien innerhalb der Einheit Mensch zwei Abteilungen entstanden: eine für Planung und Evaluation einerseits und die ausführende Einheit andererseits. Und im Laufe der Evolution ist diese Abteilung, die anfangs nur einige unterstützende Aufgaben hatte, immer größer und wichtiger geworden, und nun denken wir, dass diese Abteilung auch die Leitung hat – aber das ist nicht so! Wen treffen wir dort also an?
Der Kommentator. Wir denken oft über die Beziehung mit anderen, und diese Gedanken leiten oft zu Urteilen – auch über uns selbst. Manchmal habe ich den Eindruck – und ich bin damit nicht allein –, dass ich ständig den ironisch-kritischen Kommentar von zwei Figuren aus der Muppet Show höre, irgendwo rechts oben hinter mir von ihrem Balkon aus. Sie sind also schon zu zweit und besprechen wie Talkshow-Moderatoren, was alles schiefgeht, was schon wieder nicht taugt usw.
Der Richter. Der Richter ist ein Quälgeist. Er hebt den Finger und spricht das Urteil. Und dieses Urteil lautet fast immer, dass man sich an die Regeln halten müsse, die die Gesellschaft vorgibt: immer sein Bestes geben, Karriere geht vor Vergnügen, keine Fehler machen usw. Er ist Nummer drei also. Er ähnelt den Moderatoren, ist aber strenger und hat keinen Humor.
Der Mitfühlende. Doch der Kommentar kann auch eine andere, empathische Färbung annehmen, wie in folgender Passage aus der holländischen Dating-Sendung Lang Leve de Liefde. Ein Mann sagt zu einer Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte, dass er ihr Inneres zwar sehr schön finde, sie aber nicht sein Typ sei. Damit wollte er sagen, dass er nicht mit ihr weitermachen wolle in dem Programm. Sie begann zu weinen, und während er sie tröstete, sagte sie: „Es macht Mir viel aus, denn ich hätte es mir selbst so sehr gegönnt.“ Da war also eine Frau, die Schmerz und Trauer über die Zurückweisung empfand, aber als solche ergriff sie nicht das Wort. Was sie äusserte kam von jemandem, der Mitgefühl hatte – Person Nummer vier also.
Das Kind in dir selbst. Im therapeutischen Bereich begegnet man auch noch „dem Kind in dir“. Bei vielen Menschen kann das auch noch einen Beitrag haben (Nummer fünf in meinem Fall). Das Kind in dir kann unter diesen kritischen Kommentatoren und dem Richter, dem eigentlich nicht recht ist, leiden. Dann kann das Kind sagen: „Ihr könnt mich alle mal, ich mache trotzdem, worauf ich Lust habe“, oder es schmollt, treibt Unfug oder baut einfach ein Märchenschloss.
Dein „Higher Self“. In den 70er- und 80er-Jahren sprach man häufig davon, sein „Higher Self“ zu suchen und zu finden (nein, es geht nicht ums Kiffen). Das ist dann Nummer sechs. Der australische spirituelle Meister Barry Long sagte dazu: „There is no higher self; only higher selfishness.“ Doch sicher ist, dass spirituelle und religiöse Werte sowie Gefühle von Einheit und Verbundenheit bei Menschen einen Platz in den inneren Betrachtungen über sich selbst haben werden.
Du selbst. Und wenn dann jemand sagt: Du musst einfach du selbst sein? Dann ist die Verwirrung komplett. Denn wer ist das nun wieder, diese Nummer sieben? Offenbar ist das nicht so deutlich, angesichts der vielen Kurse und Workshops, in denen gruppenweise nach sich selbst gesucht wird, und der vielen Bücher und Videos, die in den letzten Jahren dazu erschienen sind. Es gibt einen großen Markt für das Produkt „man selbst sein“. Das ist für mich Grund genug , um hier noch einen Blog drüber zu schreiben.
Der Schönredner. Erst neulich wurde mir bewusst, wer da sagt: „Na gut, okay, nur noch einen! Morgen fange ich dann wirklich an, weniger zu trinken oder Sport zu treiben. Der eine Tag macht doch auch nichts, oder?“ Sie kennen sicher Beispiele dafür. Eigentlich steht die Entscheidung, sich selbst noch etwas Aufschub zu gewähren, schon fest, aber Nummer acht liefert noch ein schönes, beruhigendes Argument dazu.
Der Beobachter. Menschen können sich auch auf den Stuhl des Beobachters setzen, Nummer neun. Der sieht alles, wie es geschieht, und tut eigentlich nichts weiter. Er oder sie urteilt nicht. Der Beobachter bekommt meist nicht so viel Raum von den anderen. Und dass das sehr schade ist, hoffe ich später noch einmal deutlich machen zu können.
Das Ganze
Das Selbstbewusstsein liefert oft kein eindeutiges Bild dieses Selbst. Die innere Sprache ähnelt häufig einem Gespräch oder sogar einem Streit zwischen verschiedenen Entitäten. Diese Gruppendiskussionen, manchmal mit einem einzelnen dominanten Sprecher, sind bei vielen Menschen einen großen Teil der Zeit präsent. Eine schöne Beschäftigung des Beobachters könnte es sein, einmal zu schauen, wen er oder sie da alles um sich herum versammelt hat.
Für jetzt schließe ich mit der Meinung von Jan Bransen, einem niederländischen Philosophen, der – wie viele Philosophen – über die „Vervielfältigung unserem selbst“ geschrieben hat. Er beantwortet die Frage, wer denn das echte Ich sei. Er schreibt: „Eine Verdoppelung oder Vervielfältigung unseres selbst hatte in der Philosophie immer einen ehrenvollen Platz. Platon teilte unsere Seele in drei Teile: als ein Gespann, gezogen von einem willigen und einem widerspenstigen Pferd und gelenkt von einem Wagenlenker. René Descartes teilte uns in zwei Teile: einerseits Körper, andererseits Geist. (..) Sigmund Freud kam auf drei: Es, Ich und Über-Ich“ und er schließt: „Dieses Vervielfältigen ist an sich kein Problem, solange nicht gedacht wird, dass eines davon das echte ist. Wer man ist, das ist gerade dieses Ganze.“