
ÜBER SINNE UND BEDÜRFNISSE
In den ersten beiden Folgen ging es um die Gedankenwelt und die Gefühlswelt. Heute ein paar Worte über die Wahrnehmung.
Lesen und der Regenradar
Wenn ich morgens wissen will, ob es kalt ist, kann ich kurz nach draußen gehen und es fühlen. Das mache ich seit vielen Jahren eigentlich nur noch am Samstagmorgen (weil ich dann sowieso nach draußen gehe, um die Samstagszeitung aus dem Briefkasten zu holen – an den anderen Tagen lese ich sie digital). Seit langem habe ich ein Außenthermometer, auf dem ich in der Küche die Temperatur auf eine Dezimalstelle genau ablesen kann. Aber was ich heutzutage mache: Ich schaue auf die app von WetterOnline – obwohl die kein Messgerät in unserem Garten stehen hat. Und ich will jeden Tag ein paar Mal die 14-Tage-Wettervorhersage sehen. Ich bin eine Frostbeule – das wird wohl damit zusammenhängen.
Und dann schaue ich noch zehnmal am Tag eine Nachrichten-app, lese E-Mails, Facebook und führe intensiven WhatsApp-Verkehr – und entferne mich immer weiter von der direkten Erfahrung dessen, was wir mit unseren fünf Sinnen (eigentlich sechs – dazu später mehr) wahrnehmen können.
Noch ein Beispiel: wenn Sie das lesen, haben Sie wahrscheinlich einen Bildschirm vor sich und und sehen darauf eine Reihe Symbole, die Worte bilden. Das geschriebene Wort steht eigentlich für einen Klang, einen Klang mit einer bestimmten Bedeutung. Sie nehmen mich nicht waar, sehen mich nicht und höhren mich nicht – indirekter, codierter Kontakt also. (Wahrscheinlich würden Sie es am Sonntagmorgen auch nicht anders wollen)
Ganz anders ist das bei der Zecke.
Die Zecke: ein Sinn, zwei Funktionen
Das Leben der Zecke ist einfach und sehr direkt. Ein finnischer Verhaltensforscher, Jakob Baron von Uexküll (1864–1944), hat das Leben der Zecke untersucht. Und er schrieb Folgendes darüber:
Die Welt einer Zecke ist begrenzt; sie ist blind. Sie reagiert ausschließlich auf den Geruch von flüchtiger Buttersäure, die von der Haut eines vorbeigehenden warmblütigen Organismus abgegeben wird – für uns riecht das wie Schweiß. Die Zecke sitzt manchmal monatelang in einem Strauch und wartet, bis sie den Geruch eines warmblütigen Tieres wahrnimmt – dann lässt sie sich fallen und labt sich am warmen Blut. Das ist es, wovon Zecken leben.
Außerdem muss sich die Zecke natürlich fortpflanzen – auch da wartet sie, bis sie mit ihrer Nase einen Partner entdeckt.
Die Zecke könnte ihre Umwelt also mit zwei Fragen beschreiben: Rieche ich etwas, von dem ich saugen kann? Und: Rieche ich etwas, mit dem ich mich paaren kann?
Das ist doch mal übersichtlich.
Wir Menschen hingegen haben uns so weit entwickelt, dass wir mehr Bedürfnisse haben als nur zu überleben und das zu tun, was unsere Natur uns vorgibt, um das Fortbestehen der Art zu sichern. In der „Bedürfnispyramide von Maslow“ gibt es auch das soziale Bedürfnis: Wir möchten gerne Teil einer Gemeinschaft von Artgenossen sein (übrigens ebenfalls ein natürliches Bedürfnis – denn es ist eine Voraussetzung für das Überleben der Gruppe), Anerkennung erhalten und „Selbstverwirklichung“ erreichen 1).
Diese Bedürfnisse sieht man bei der Zecke nicht. Und wir haben auch mehr Möglichkeiten der Wahrnehmung – nicht nur einen Sinn wie die Zecke, sondern (mindestens) fünf.
Die Sinne sind oft auf Grundbedürfnisse ausgerichtet
Da die Bedrohung des täglichen individuellen Lebens in weiten Teilen der westlichen Welt relativ gering ist, richten wir unseren Fokus zunehmend auf ein angenehmes Leben. Doch Hunger (auch Appetit), Durst und der Fortpflanzungstrieb prägen weiterhin stark unser Dasein.
Kalorien
Ich merke das oft: Wenn ich einkaufen gehe, habe ich meist einen Einkaufszettel dabei – weil ich sonst herumschaue: „Gibt’s noch was Leckeres?“ Aber selbst mit dem Zettel mache ich oft noch einen kleinen Umweg zu den gefüllten Keksen, den (am liebsten süßlichen) Tripel-Bieren und den Schokoriegeln, die gar nicht auf dem Zettel stehen. Und ich bin nicht der Einzige.
Ein Experiment zeigte, dass Menschen sich die Platzierung bestimmter Produkte im Laden umso besser merken konnten, je mehr Kalorien diese enthielten. Und achten Sie mal darauf, worauf Ihr Blick fällt, wenn Sie in der Warteschlange stehen: Kalorienreiche Leckereien. Eigentlich ist die gesamte Supermarktgestaltung auf das primärste aller tierischen Bedürfnisse ausgerichtet: Essen, Kalorien.
Sie sehen etwas und wollen es
Vielleicht kennen Sie die Situation: Alle bekommen ein Glas Wein oder Bier in die Hand, aber man muss noch warten, bis der Redner fertig ist und angestoßen werden darf. Der Speichel fließt dann schon im Mund zusammen – und es ist mir bestimmt schon passiert, dass ich heimlich einen kleinen Schluck genommen habe. Eine Reaktion auf primäre Bedürfnisse, die sofort befriedigt werden wollen – wie bei den einfachsten Tieren.
Wie ein Frosch, der sofort seine lange Zunge herausschleudert, wenn ein Insekt vorbeikommt. Oder die Zecke, die sofort ihre Kiefer in das warmblütige Tier gräbt, auf das sie sich gestürzt hat.
Und dann ist da noch der Sex
Aber darüber später. Dann geht es um Chemie, Gerüche, Männlichkeit und Weiblichkeit, Verliebtheit, Äußerlichkeiten, Abkürzungen, Verhalten und Normen.
Die drei Welten
Wir alle leben unter verschiedenen Umständen. Aber wie wir damit umgehen, wird davon bestimmt, was und wie wir wahrnehmen, wie wir damit in unserer Gedankenwelt umgehen und wie wir uns dabei fühlen.
Um diese drei Elemente – diese drei Welten – geht es in der ganzen Serie.
______________
1). Abraham Maslow stellte 1943 eine Theorie vor, in der er meinte, dass die menschlichen Bedürfnisse eine bestimmte Priorität haben, wobei das jeweils erste Bedürfnis eine Voraussetzung ist, um dem nächsten gerecht werden zu können:
- Physische Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Atmung, Kleidung, Unterkunft, Bewegung und Sexualität)
- Sicherheit (Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit)
- Soziale Bedürfnisse (Dazugehören, Gemeinschaft, Liebe)
- Anerkennung (Selbstbild, Ruf, Selbstwert, Selbstachtung)
- Selbstverwirklichung (das tun, wozu man berufen ist)
Foto: Pexels/ Erik Karits
O O O O O O O O O O O O O
Kommentare sind herzlich willkommen; öffentliche Kommentare können Sie unten hinterlassen; Kommentare an Jan können Sie an koetjwm@gmail.com senden.

Kommentar verfassen