Mitgefühl ist eine der Eigenschaften, die wir entwickeln müssen, um vom Leiden frei zu werden. Die Grundlage dafür bildet die Erkenntnis, dass gemäss der Lehre Buddhas jeder Mensch leidet und wir somit alle im selben Boot sitzen und dass wir voneinander abhängig sind. Den Mitmenschen wahrzunehmen und für sein Wohlergehen zu sorgen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Lehre.

Jane Goodall, die englische Biologin, die erst vor Kurzem verstorben ist, hat Mitgefühl auch bei Schimpansen beobachtet und eigentlich auch alle anderen Emotionen, die der Mensch kennt. Zu ihrem großen Bedauern musste sie allerdings auch feststellen, dass Gruppen von Schimpansen einander vollständig ausrotten können.

Das menschliche Gehirn besteht funktional gesehen aus drei Teilen. Das Reptiliengehirn sorgt durch Reaktionen wie Flucht, Kampf und Erstarren für das Überleben. Darüber hat sich im Laufe der Evolution das Säugetiergehirn entwickelt, das dafür sorgt, dass sich Gruppen bilden, die zum Überleben notwendig sind. Das menschliche Gehirn entstand danach im Verlauf der Evolution und ermöglicht es uns, abzuwägen und Szenarien zu entwickeln, durch Sprache zu kommunizieren und logisch zu denken.

Ab der Ebene der Säugetiere wird das Überleben des Einzelnen durch die Stärke der Gruppe gewährleistet.

Wenn alle Kühe gemütlich liegen und wiederkäuen, steht immer eine auf. Sie hält Wache. Es ist notwendig, dass der Nachwuchs gesäugt werden kann, und deshalb müssen Mutter und Kalb von der Gruppe geschützt werden. Es gibt also einen eingebauten Mechanismus, der dafür sorgt, dass die Mitglieder einer Gruppe aufeinander achten. Sie sehen einander und spiegeln einander. Auch wir haben ein Spiegelgehirn: Wenn wir jemanden traurig schauen sehen, reagieren bei uns dieselben Gesichtsmuskeln wie bei demjenigen, der traurig schaut. Mitgefühl ist also auch etwas Körperliches, und dadurch machen wir einander kenntlich, dass etwas nicht stimmt.*

Wenn ich ein sogenanntes lustiges Video sehe, in dem ein Mann hoch oben in einem Baum einen Ast absägt, auf dem er schließlich selbst sitzt, oder wenn ein Vater mit seiner kleinen Tochter vorne auf dem Schlitten einen verschneiten Abhang hinuntergleitet und schließlich ausgerechnet gegen den einzigen Baum am unteren Ende des Hangs prallt, bekomme ich Schmerzen im Unterleib – sogar jetzt, wo ich das hier aufschreibe.

Und jeder tut sein Bestes, um „dazuzugehören“. Eine Figur in einem Roman von Harry Mulisch sagte: „Ich glaube, jeder Mensch hat das Gefühl, dass er eigentlich nicht dazugehört, zum Leben der anderen Menschen. Dass er irgendwie anders ist, ein Gast, und dass er alles daransetzt, damit die anderen das nicht merken. Dieses Gefühl haben alle Menschen gemeinsam, und gerade dadurch gehören sie zusammen.“ 1)

Zu einem großen Teil wird unsere Gesellschaft durch Hormone geprägt:

– Wenn der Kontakt mit einem anderen Menschen zur Ausschüttung von Dopamin führt, entsteht ein Gefühl der Verliebtheit, und

– Vasopressin wird beim Samenerguss freigesetzt und sorgt anschließend für ein Gefühl der Bindung. Männer hatten das vielleicht gar nicht vor, aber auf diese Weise wird dennoch oft der Grundstein gelegt für langfristige Partnerschaften.

– Und Oxytocin wird bei erfolgreichen sozialen Kontakten freigesetzt. Das gilt auch für Gruppen, etwa eine Dorfgemeinschaft, einen Chor, Fußballfans oder einen Gruppe von Verschwörungstheoretikern, und sorgt somit für ein Gemeinschaftsgefühl.

Mitgefühl ist etwas, das dem Menschen innewohnt.

„Im Grunde gut“ ist der Titel eines schönen Buches von Rutger Bregman. Aber das Gute hat auch seine Grenzen. Die meisten Menschen sind vor allem im Verhältnis zu der Gruppe, der sie angehören, gute Menschen, weil es ein Tendenz gibt sich an zu passen um dazu zu gehören. Wir sehen in der gesamten Geschichte und auch in den vergangenen Jahrzehnten wieder deutlich, dass Gruppen vielerorts immer schärfer einander gegenüberstehen. Auch Jane Goodall musste dies feststellen, als sie miterlebte, wie eine Gruppe von Schimpansen eine andere Gruppe vollständig ausrottete.

Oft ist es jedoch so, dass die Gegensätze zumindest für den Moment verschwinden können, wenn einzelne Mitglieder zweier Gruppen miteinander sprechen. Und Rutger Bregman nennt als Beispiel, dass französische und deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg aus den Schützengräben stiegen, in der Weihnachtsnacht miteinander anstießen und sangen.

Eine Aussage Jesu lautet: „Ist es ein Verdienst, wenn ihr die liebt, die euch lieben? Tun das die Zöllner nicht genauso? Und wenn ihr nur eure Brüder und Schwestern freundlich behandelt, was ist daran außergewöhnlich?“ (Matthäus 5,43–48). Die Nächstenliebe, das Mitgefühl, darf nicht auf die Mitglieder der eigenen sozialen Kreise beschränkt sein.

Der niederländische Kabarettist und Philosoph Tim Fransen machte in seiner letzten Show deutlich, dass wir je nach den Umständen alle zu Dingen fähig sein können, die wir normalerweise von uns selbst nicht erwarten würden – Dinge, die wir tun, verkünden oder glauben. Diese Botschaft kam offenbar an, denn am Ende sang die eine Hälfte des Amsterdamer Theaters Carré: „Ich habe einen Faschisten in mir“, worauf die andere Hälfte des Saales antwortete: „Aber das soll die Freude nicht trüben.“

Viele buddhistische Strömungen sprechen nicht nur von Mitgefühl, sondern von „universeller Liebe“. Das geht auf die Erkenntnis zurück, dass alles miteinander verbunden ist. Selbst Albert Einstein hat dazu etwas gesagt:

„Ein Mensch ist ein – in Zeit und Raum begrenzter – Teil des ‚Universums‘, aber er erlebt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als etwas, das vom Rest getrennt ist – eine Art optische Täuschung seines Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, das uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf die Zuneigung zu einigen wenigen Menschen beschränkt, die uns am nächsten stehen. Es sollte unsere Aufgabe sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis des Mitgefühls erweitern, bis er alle Lebewesen und die gesamte Natur in ihrer Schönheit umfasst.“

Und genau das ist auch eine Aufgabe Buddhas, bei der der dritte Schritt der Evolution, die Entstehung des menschlichen Gehirns, sehr hilfreich ist. Einfach etwas weiter zu schauen, als es das Säugetiergehirn mit all seinen Emotionen tut, zum Beispiel mit der Frage: „Ist das so?“

—

1).Harry Mulisch. Zwei Frauen. 1975

Foto Schimpansen: pixabay pixel-mixer-chimpanzees-1273602_1920

Foto Kühe: pexels falling-down-1646999239-27669819


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